Außer sich

Außer sich (Buch)

Roman. Ausgezeichnet mit dem Mara-Cassens-Preis 2017 und dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2017 und nominiert für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017

Buch
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Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen.... (weiter)

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Wer bin ich?
»Was liest Du?«-Rezension von StefanieFreigericht, am 09.12.2017

Die Zwillinge Ali und Anton sind noch Kinder, als sie mit dem Vater zurück fahren, das erste Mal zurück nach Russland, von wo die Familie als jüdische „Kontingentflüchtlinge“ nach Deutschland ausgewandert war, so lässt Sasha Marianna Salzmann ihren Roman mit einem kurzen Prolog beginnen. In den folgenden Kapiteln ist es die Perspektive von Ali, eigentlich Alissa, zuerst im „Heute“ in Istanbul, auf der Suche nach Zwilling Anton, dazwischen eingeblendet der Rückblick auf das Leben der Familie in Russland, das Leben der Eltern Valja und Kostja, der Großeltern, der Urgroßeltern. Zwischendurch wechselt die Perspektive vom auktorialen Erzähler zum Ich-Erzähler aus der Sicht Alis - doch die Autorin weiß noch mit einem weiteren Perspektivwechsel zu überraschen.

Das Buch ist anspruchsvoll, will man als Leser nicht die Spur verlieren zwischen den verschiedenen Handlungszeiten, Personen und Orten, dazu ist der Stil sehr bildhaft, teils wie in Traumsequenzen nebulös, assoziativ. Zum einen gibt es da den Handlungszweig der Familiengeschichte, immer mit der Komponente, was es in der jeweiligen Zeit bedeutete, Jude zu sein, was Bindungen bedeuteten, die Geschlechterrollen, Macht und Gewalt, Emigration, Zugehörigkeit. Nach dem Umzug nach Deutschland spätestens nimmt das Gefühl der Auflösung zu, die Familie gehört nirgends mehr richtig hin. Das setzt sich fort in den Identitäten der Zwillinge, wer ist wer, welche sexuelle Ausrichtung, welche Geschlechterzuordnung gilt.

Die Sprache – nun, da gibt es Bilder, die ich mag, wie über die älteren Männer in der Türkei „…dachte sie daran, dass alle Männer …diese Anzüge trugen, die aussahen, als wären sie in ihnen auf die Welt gekommen, als hätten sie in ihnen geschlafen und getrunken, gevögelt und sich geprügelt, wären damit in die Berge gegangen, um dort zu den Waffen zu greifen.“ S. 29 Das sind Bilder, die ich umsetzen kann. Dazu kommt noch eine teils verschlungen-verschachtelte Sprache, aber dann auch Sätze, Bilder, die für mich eher in den Nebel führen wie die (alb)traumhaften Sequenzen mit den fingergroßen Katzen.

Das Buch lässt mich ähnlich zerrissen zurück wie Ali, einerseits fällt mir immer mehr über das Buch ein, je länger ich darüber nachdenke, ich gehe Schritte zurück, lese nach, vergleiche; mir fällt auf, dass die erste Szene im Buch zweimal erlebt wird. Andererseits sind es mir etwas zu viele Geschichten auf einmal, Familiengeschichte, Russland, Migration, Integration, Identität, Zugehörigkeit, Vorurteile, Türkei, Deutschland. Ideal auf jeden Fall, das Buch in einer Gruppe zu lesen – bei den vielen Fragen, gerade bezüglich Anton, stellte ich mir irgendwann die Frage, die für mich zur Kernfrage des Buches wurde: ist das überhaupt wichtig? Ist es wichtig, ob Ali ein Mann sein will, Frauen liebt, die Männer sein wollen oder wo sie lebt; macht DAS ihre Identität aus? Und wenn es das nicht ist, was dann, was macht unsere Identität aus?

Dankbar war ich für das erste Kapitel in Istanbul, hätte das Buch mit dem zweiten begonnen, in Russland, hätte ich wohl abgebrochen (nicht gleich erschrecken, der Abschnitt ist wirklich nur kurz). Frauen werden verprügelt und vergewaltigt (nein, man ist nicht dabei, es wird als „üblich“ erwähnt, auch einiges andere wird so abgehandelt), von Tierquälerei wird berichtet, Eltern saufen, dazu Judenhass, Abtreibungen als Familienplanung – ich konnte schon „Das kalte Licht der fernen Sterne“ deshalb nicht leiden. Ernsthaft? Bei dem „kalten Licht“ wurde ich damals von anderen als zu verzärtelt oder unwissend tituliert; würde man jedoch über irgendein anderes Land oder eine andere Gruppe derart schreiben, bekäme man als Autor Rassismus, Chauvinismus oder ähnliches unterstellt, also was ist es nun?! Bücher zur Thematik Flüchtlinge sind mir zur Zeit meist zu naiv-optimistisch (mit Ausnahme von „Exit West“), geht es jedoch um Russland, empfinde ich sie geradewegs als das Gegenteil, selbst wenn es auch dort wie hier um Zuwanderung geht (nur zur Klarstellung; es geht nicht um persönliche Betroffenheit).

Das mag jetzt wenig politisch-korrekt sein, aber ich habe so eine Aversion gegen gehypte Themen, hier nervt mich diese Gender-Fixiertheit. Das Thema begann mal als erweiterte Feminismus-Debatte, dann ging es um den Kampf gegen Homophobie, alles noch Themen, die ich wichtig fand und denen ich folgen konnte, doch dann folgte eine immer neue Begrifflichkeit, eine immer stärkere Ausweitung von Begrifflichkeiten, transgender, genderfluid…. Bei mir stellen sich da Igel-Stacheln auf, ähnlich wie bei „Flexitarier“, Begriffe, die unbedingt irgend ein Fluidum greifen wollen, unbedingt nicht verletzen wollen, aber mir zu inhaltsbefreit sind im Versuch, jeglichen Inhalt zu begreifen. Lasst die Leute doch einfach leben. Ja, ich weiß, DAS genau ist das Problem, aber mit überfrachteten Anglizismen wird das kaum besser. Oder kann sich jemand einen, konkret, Schwulenhasser vorstellen, der dieses Buch zuende bringt?

Im Fazit komme ich am besten mit dem Buch klar, wenn ich es aus dem Blickwinkel sehe, dass es zwar Salzmanns Romandebüt ist, sie jedoch eine renommierte Bühnenautorin ist: ich nehme es am „griffigsten“ wahr in seinen Szenen und Bildern, die mir präsentiert werden, sehr „modernes Theater“, nicht auf „Gefälligkeit“ gepolt. Das hat für mich 5-Sterne-Anteile hinsichtlich toller Sprachbilder, eines noch nicht so abgearbeiteten Sujets wie dem, Identitätssuche über verschiedene Ebenen durchzuziehen, aber auch 2 bis 3-Sterne-Anteile, wie der Verzettelung über mir zu viele Themen (statt weniger starker), der nach meiner Meinung teils unbedingt provozieren-wollenden sprachlichen Obszönitäten (ist der Leser cool genug??) und des mir teils zu gewollten Melodramas, nicht nur Frau auf der Suche nach ihrem anderen Ich, nein, sie liebt eine Frau, nein, die möchte lieber ein Mann sein, nein, sie auch.

Ich gebe sehr wohlwollende 4 Sterne, fragt‘ mich vor 5 Stunden oder in 5 Tagen, es wird jede Wertung zwischen 2 und 5 Sternen möglich sein. Bemerkenswert. Beim Folge-Buch hätte ich’s gern weniger um sich selbst kreisend, weniger dem Hype huldigend. Das ist ein Buch, das man sehr intensiv lesen kann, in der Zeit auch mehrfach – aber weniger eines, das ich in einem Jahr wieder lesen würde.

Scherbenleben...
»Was liest Du?«-Rezension von parden, am 18.10.2017

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. Wer sagt dir, wer du bist? Davon und von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben selbst und seiner herausfordernden Grenzenlosigkeit erzählt Sasha Marianna Salzmann in ihrem Debütroman Außer sich.

Ich habe diesen Roman, der mit fünf weiteren Büchern auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, nun vor einigen Tagen beendet und ganz gegen meine Gewohnheit nicht sofort eine Rezension verfasst. Der Klappentext lässt nicht einmal ansatzweise erahnen, worum es in diesem Buch überhaupt geht. Gerade das aber lässt sich hier auch schlecht auf den Punkt bringen.

Eine autobiografische Fiktion sei ihr Roman, verrät Sasha Marianna Salzmann zu ihrem Debüt. Es geht hier um vieles, wobei die Suche Alis nach ihrem Zwillingsbruder Anton tatsächlich den kleinsten Raum einnimmt. Es geht um Geschwisterliebe, Geschlechterumwandlung als radikale Selbstbestimmung, um sowjetische Familiengeschichten, Migration in jeder Hinsicht.


"Die ganze Zeit hat sie so Zeug vor sich hin gesprochen, sie hätte uns nicht hierherbringen sollen, alles selbstverschuldet, das habe sie jetzt davon. Dann sagte sie, Migration tötet, es klang wie eine Warnung auf einer Zigarettenschachtel: Migration fügt Ihnen und den Menschen in ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu." (S. 297)


Die Autorin selbst ist in Moskau aufgewachsen, mit zehn Jahren dann mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen als jüdischer Kontingentflüchting. Auch hat Sasha Marianna Salzmann länger in Istanbul gelebt, wo mit Hilfe eines Stipendiums dieser Roman entstand. Die Eckdaten ihrer Biografie spiegeln sich in dem Hauptcharakter Ali. Insofern war beim Lesen stets die Frage präsent, wie viel von der Autorin sonst noch in Ali und ihre Geschichte eingeflossen ist. Istanbul beispielsweise nennt Sasha Marianna Salzmann selbst einen 'Sehnsuchtsort', "...weil ich in Istanbul in mir war, nicht außer mir, das passiert mir sehr selten."


"Sie war sich nicht sicher, wem sie schon welche Geschichte erzählt hatte, sie war sich ihrer eigenen Geschichte nicht mehr sicher, was sie eigentlich tat in einer Stadt außerhalb der Zeit, suchte sie wirklich ihren Bruder oder wollte sie einfach nur verschwinden. Sie zitterte." (S. 123)


Ali wirkt wie getrieben. Sie ist auf der Suche. Doch weniger tatsächlich nach ihrem Zwillingsbruder, wie der Leser bald bemerkt. Vielmehr nach - ja, nach was? Vielleicht am ehesten nach sich selbst, nach ihrem Platz in der Welt, nach ihren Wurzeln. Ali ist immerzu unterwegs, nirgends wirklich zu Hause, nichts steht fest, selbst und gerade das Ich scheint zu bröckeln. Istanbul ist schließlich die Stadt, in der Ali erstmals einen Ort erfährt, der sich annähernd wie Zuhause anfühlt. Aber auch dort treibt eine innere Unruhe sie immer weiter, an immer neue Orte.


"Ich bin nicht wie du, ich bin kein Tier, das vor sich hin grast und alles hinnimmt, wie es kommt. Ich will nichts von diesem Leben, in dem es alles gibt, aber niemand etwas will. Ich will nichts von diesem Schnickschnack, den ihr für die Erfüllung eures Lebens haltet, weil ihr sonst nichts habt, woran ihr glauben könnt." (S. 118)


Doch Ali sucht nicht nur im Hier und Jetzt. Sie sammelt auch Bruchstücke der Vergangenheit auf. Ausführlich schildert die Autorin hier die Geschichten der vorherigen Generationen, die alle die Themen Migration, Verlust von Lebensträumen, Zugehörigkeit, Alkohol, Gewalt und grenzenlose innere Einsamkeit vereinen. Aufbrüche, Umzüge, Zerwürfnisse zwischen Moskau, Berlin und Istanbul, Haltlosigkeit und Bodenlosigkeit prägen die Biografien, brüchige Wurzeln. Ali betrachtet diese Scherben, kann sie jedoch nicht zu einem Ganzen fügen, aus dem losen Flickenteppich der Erinnerungen entsteht keine Wahrheit.


"Sie sprach in mehreren Sprachen gleichzeitig, mischte sie je nach Farbe und Geschmack der Erinnerung zu Sätzen zusammen, die etwas anderes erzählten als ihren Inhalt, es klang, als wäre ihre Sprache ein amorphes Gemisch aus all dem, was sie war und was niemals nur in einer Version der Geschichte, in einer Sprache Platz gefunden hätte." (S. 258)


Die Gestaltung des Romans entspricht der Getriebenheit Alis. Hier wird alles andere als linear erzählt, und jeder Figur lässt die Autorin dieselbe Sorgfalt zukommen, so dass Alis Suche oftmals aus dem Fokus gerät. Der Ausgestaltung der Szenen ist die Nähe Salzmanns zum Theater anzumerken; sie sind geprägt durch eine dramaturgische Kraft sowie durch einen ungeheuren Reichtum der Bilder. Eine kraftvolle Sprache, getragen von Bildern und Dialogen, zieht sich durch den Roman.


"Mustafa schaute sie an. Er hatte sehr müde Augen, eine sehr müde Haut, sie bildete tränenförmige Ausstülpungen, die langsam von den Wangenknochen nach unten zogen, in Zeitlupe tropfte seine Haut von seinem Gesicht. Große, runde Sogpupillen, die ohne jeden Ausdruck auf Ali ruhten." (S . 32)


All dies zählt durchaus zu den positiven Seiten des Buches, und es ist für mich nachvollziehbar, dass dieser Debüt-Roman auf der Shorlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Der Roman beschäftigt den Leser auch über die eigentliche Lektüre hinaus, was ich ebenfalls zu den Stärken zählen würde. Aber - und hier kommt ein großes Aber - da ist noch der Punkt, wie es mir persönlich beim Lesen erging.

Für mich war diese Lektüre ein großer, persönlicher Kampf. Seite um Seite musste ich diesem Roman abringen, nach ein paar Abschnitten hatte ich dann wieder genug und legte das Buch wieder weg. Selten habe ich mich einmal so schwer getan mit einem Roman. Das lag zum einen an den sperrigen Charakteren, die einfach keine Nähe zuließen, zum anderen aber eben auch an der Sprunghaftigkeit der Erzählung, an dem Nicht-Linearen, der Düsternis, der sich durchziehenden Melancholie. Ich hatte immer das Gefühl, Menschen beim Vor-Sich-Hin-Vegetieren zuzuschauen - hinter jeder Kulisse kam Abfall, Niederträchtigkeit und Einsamkeit zum Vorschein.


"Ich hätte ihn nicht geheiratet, wenn ich nicht schwanger geworden wäre. Ich hätte ihn verlassen gleich nach dem ersten Streit, gleich nach dem ersten Schlag, als ich sein aufgedunsenes, rotes Gesicht zum ersten Mal sah. Versteh mich nicht falsch, ich bereue es nicht, das heißt, ich bereue es nicht, euch gekriegt zu haben, aber Kinder muss man schnell kriegen, bevor man Zeit hat, sich kennenzulernen und dann enttäuscht zu sein, sonst würde niemand Kinder kriegen... (S. 258)


Auch wenn zu spüren ist, mit wieviel Engagement und Herzblut die Autorin ihr Erstlingswerk geschrieben hat, wie viel Persönliches auch wohl dort eingeflossen ist, kann ich  in der Summe einfach nicht mehr Sterne vergeben, was mir sehr leid tut. Aber neben der Faszination hinsichtlich der Gestaltung des Romans, seiner Bildhaftigkeit und der existentiellen Fragen, die hier gestellt werden, gibt es eben das persönliche Gefühl eines Zuviels und einer phasenweise Unerträglichkeit. Niemand bedauert das mehr als ich.

Dennoch fand ich es spannend, diesen Roman im Rahmen einer Leserunde zu lesen und dabei zu erkennen, wie unterschiedlich er aufgenommen wurde. In jedem Fall war die Lektüre eine bereichernde Erfahrung.


© Parden