Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (Buch)

Roman

Buch
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Von drei Helden wider Willen erzählt Alex Capus in seinem neuen Roman: Vom Pazifisten Felix Bloch, der nach 1933 in den USA beim Bau der Atombombe hilft. Von Laura d'Oriano, die Sängerin werden will und als alliierte... (weiter)

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Details
AutorIn Alex Capus
Edition 7. Aufl.
Seiten 281
EAN 9783446243279
Sprache deutsch
erschienen bei Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum 07.2013
Stichwörter Schweiz
Geschichte
Rezensionen
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Gemeinsam im Anfang
»Was liest Du?«-Rezension von Mara S., am 26.04.2016

Was haben ein Maler, eine Sängerin und ein Physiker miteinander gemeinsam? Wilde Geschichten ließen sich dazu ausdenken, verwickelte Plots oder dramatische Liebesszenen entwerfen. Alex Capus hingegen hat sich für eine eigene Richtung entschieden. Emile Gilliéron, Laura d'Oriano und Felix Bloch haben eine einzige, winzige und dazu wahrscheinlich rein hypothetische Begegnung gemeinsam. Irgendwann Anfang November im Jahr 1924 könnten sich bei Zürich ihre Wege leicht gekreuzt haben, aber das ist nicht gewiss und für das jeweilige Leben der drei Figuren ohne Bedeutung.
Emile ist in Griechenland aufgewachsen, sein Vater war als Kunstmaler ein enger Vertrauter und Mitarbeiter von Heinrich Schliemann, der im antiken Sand nach den Spuren des Priamos und dessen sagenumwobenen Schatz suchte. Im November 1924 brachte Emile Junior seinen Vater in einer Zigarrenkiste zurück in seine Heimat, er selber kehrte heim nach Griechenland und half dem Schliemann Nachfolger Arthur Evans den Palast von König Minos auf Kreta wieder aufzubauen.
Laura d'Oriano war 1924 auf dem Weg in ein neues Leben. Seit sie denken konnte, reiste sie mit ihrer Familie durch ganz Europa: Einmal bis zum Orient und wieder zurück. Als Sängerin unterhielt ihre Mutter in aller Herrenländer das Publikum, am Klavier saß der Vater und begleitete seine Frau. Doch die Zeiten änderten sich, wurden rauer und ließen den Menschen kein Geld mehr für ein vergnügliches Nachtleben. Lauras Familie musste sesshaft werden und befand sich 1924 zu diesem Zweck auf dem Weg nach Marseille. Ihre Weltgewandtheit und die vielen Sprachen, die Laura beherrschte, halfen ihr ein ums andere Mal sich über Wasser zu halten und sollten sie am Ende doch nur ins Verderben führen.
Auch für Felix Bloch begann im November 1924 ein neuer Lebensabschnitt. Er sollte sich nun endlich für ein Studium entscheiden und fand mit seiner Begabung für Mathematik und Physik nach einem Semester Maschinenbau in der theoretischen Physik seine Berufung. In den folgenden drei Jahrzehnten revolutionierten er und seine Physikerkollegen die Wissenschaft und schließlich auch die Welt. Die Entdeckung der Neutronen brachte eine Entwicklung in Gang, die schließlich in der schlimmsten Bedrohung allen Lebens gipfelte.

Capus' Roman malt ein Bild von einer vergangenen Zeit, in der sich innerhalb eines halben Lebensjahres die bekannte Welt dreimal so schnell zu drehen schien. Seine Figuren verwendet er als literarische Beispiele für eine Epoche voll von Umbrüchen, rasanten Veränderungen und großen Bedrohungen. Emile, Laura und Felix kommen dabei fast langweilig daher. Ihr Leben plätschert dahin, ist dem Alltag und der sich unablässig bewegenden Welt unterworfen. Entscheidungen scheinen immer von anderen getroffen zu werden. Nicht von ungefähr allerdings beginnt Capus seinen Roman auf den Gleisen der Eisenbahn. Weichenstellungen geben dem Zug die richtige Richtung vor. Auch die Romanfiguren nehmen ein gewisse Stellung zur Welt ein und bestimmen dadurch ihren Lebensweg. Lauras unbestimmtes Gefühl in der Brust lässt sie wissen, was sie nicht will in ihrem Leben. Mit Mann und Kindern konnte sie sich arrangieren, nicht aber mit der Eintönigkeit eines bäuerlichen Lebens, in der sich die Unterwäsche der Dorfbewohner nicht voneinander unterscheiden dürfen. Auch Emiles Vater wurde bestimmt von der Enge seiner Heimat und ihrer Bewohner. Weil er sich nicht anpassen wollte, ist er schließlich in Griechenland gelandet und hat dort ein bürgerliches Leben gelebt, dessen Verbindlichkeiten wie von selbst auf seinen Sohn übergingen. Gequält von den industriellen Errungenschaften seiner Zeit und ihren negativen Auswirkungen sah Felix sich eine pazifistische Haltung annehmen, die er auch lange Zeit in der theoretischen Physik ausleben konnte. Mit dem Schrecken des 2. Weltkrieges und dem großen Endziel der Deutschen musste er schließlich eine Entscheidung treffen, die zugunsten Robert Oppenheimers und des amerikanischen Militärs ausfiel.

Alex Capus' Roman gefällt in seiner Sprache, seiner Figurengestaltung und der Komposition von Charakteren in einer Handlung, die nichts miteinander gemein hat bis auf eine annähernd gleiche historische Zeit. Sein Erzählton trifft genau die Figur, ihr Leben und ihre Welt, und wechselt manchmal mit Sprung, aber immer ohne Kratzer zur nächsten Figur. Dem Buch wohnt eine fiktive Authentizität inne, so dass mir manche Bilder in Sepia vor dem inneren Auge aufleuchten oder ich leise russische Klänge von Bajuschki Baju zu vernehmen glaube.

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Kein muss, ein kann
»Was liest Du?«-Rezension von Maurice, am 30.01.2015

In dem Buch von Alex Capus geht es um drei historische Persönlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts, die sich wohl niemals begegnet sind. Emile Gilliéron ist ein begnadeter Zeichner, der mit Schliemann nach Griechenland reist und später für den kurzsichtigsten aller Briten Arthur Evans sensationsarme Ausgrabungen in archäologische Wundertüten verwandelt. Emiles Fähigkeiten prädestinieren ihn förmlich für diese Aufgabe. Er dehnt die Wahrheit, um seine prestigeversessen Auftraggeber zufriedenzustellen und seine Kassen zu füllen. Capus erzählt augenzwinkernd und bravourös vor mediterraner Kulisse ein Schelmenstück, das in der nüchternen Aufklärung der Neuzeit endet.

Die Spionin Laura d’Oriano will eigentlich Sängerin werden, nicht so eine halbseidene Chanson Interpretin, wie die strumpfbandzeigende Mutter, nein, eine richtig ernst zunehmende Sangeskünstlerin, aber ach, am Konservatorium stellen die Lehrer fest, ihr fehlt es an einer herausragenden Stimme. Für eine Sängerin kein ganz unwichtiges Detail gibt Laura ihren Jugendtraum auf. Andere Talente bringen unsere Protagonistin durchaus erfolgreich durch das Leben, bis sie an Mann und Kinder gerät und fast der spießbürgerlichen Provinz an heim fiel. Der Weg bis zur Spionin ist dann nur noch kurz, der 2. Weltkrieg schreibt schließlich die sonderbarsten Lebensläufe und so wird aus Laura eine Spionin im Kampf gegen den Mussolini Faschismus. Laura d’Orianos Leben wird von Capus in einer typischen „Frau krempelt die Ärmel auf“ Manier erzählt, das liest sich gefällig, ziemlich spannungsarm und routiniert. An zwei Stellen leuchtet mir die Motivation der Protagonistin nicht ein. Nun denn. Die Unannehmlichkeiten ihrer letzten Tage spart Alex Capus aus, vermutlich, um den Rahmen eines Unterhaltungsromans nicht gänzlich zu sprengen. Alex Capus gibt Laura d’Oriano ein Gesicht, tiefer lässt er nicht blicken.

Bei weitem interessanter erzählt ist das Leben des Bombenbauers Felix Bloch, als junger Mann ein überzeugter Pazifist wird er Atomphysiker, weil ihm der Beruf ausreichend sinnlos erscheint, um nicht der Kriegsmaschinerie dienen zu müssen. Schließlich landet er in Los Alamos, wo er an der ersten Atombombe arbeitet. Eine faszinierende Persönlickkeit, ebenso faszinierend erzählt.

Alex Capus hat die Lebensläufe seiner Protagonisten recherchiert und die Leerstellen mit seiner Fantasie gefüllt. Wenn mich „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ auch nicht vollends überzeugt hat muss ich doch sagen mich über weite Strecken des Buches einfach gut unterhalten zu haben. Alex Capus hat eine Art Geschichten zu erzählen, vor der man sich gern verneigen möchte. Quasi sofort entsteht ein Lesesog, alles ist klug ausformuliert, kein Wort zu viel oder zu wenig und immer pulsierend voll Leben. Vermutlich ist der Mann in der Lage Telefonbücher und Gebrauchsanweisungen unterhaltsam zu schreiben. Das Buch ist lustig, wenn es nach Kreta geht und geschichtliche Ereignisse und Ausgrabungsstätten nach Gutdünken gestaltet und uminterpretiert werden. Es macht nachdenklich und traurig, als Felix Bloch unter die Uni Nazis gerät und wird tiefsinnig in seiner Wandlung, die vielleicht gar keine ist. Einzig mit Laura wurde ich nicht besonders warm. Alex Capus ist ein Autor von dem ich gerne mehr lesen werde!

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Von drei Helden wider Willen erzählt Alex Capus in seinem neuen Roman: Vom Pazifisten Felix Bloch, der nach 1933 in den USA beim Bau der Atombombe hilft. Von Laura d'Oriano, die Sängerin werden will und als alliierte Spionin in Italien endet. Und von Emile Gilliéron, der mit Schliemann nach Troja reist und zum größten Kunstfälscher aller Zeiten wird. Nur einmal können die drei einander begegnet sein: im November 1924 am Hauptbahnhof Zürich. Doch ihre Wege bleiben auf eigentümliche Weise miteinander verbunden. Capus treibt seinen Erzählstil des faktentreuen Träumens zu neuer Meisterschaft. Heiter und elegant, lakonisch und zart folgt der Erfolgsautor aus der Schweiz den exakt recherchierten Lebensläufen seiner Helden.