Originalität, den Mut, was Neues zu wagen und Geschichten, abseits des Mainstreams. Wir haben den M-Pionier 2012 gesucht. Unsere Buchhändler hatten neun vielversprechende Autoren entdeckt und dann waren Sie an der Reihe. Sie konnten uns per Abstimmung helfen, den mit 1000€ dotierten Autorenpreis zu vergeben. Durch Sie sollte der Schriftsteller / die Schriftstellerin mit dem gewissen Etwas, mit der besonderen Geschichte gefunden werden.

Sie haben entschieden:
Anne-Gine Goemans ist unser M Pionier 2012!

Gewonnen hat sie mit ihrem Buch "Gleitflug":
Ein Roman über das Fliegen, die Freundschaft und den Kampf für die eigenen Träume - saukomisch, sehr anrührend und zum Verlieben.

Es gibt gewöhnlichere Wohnorte als den von Gieles, vierzehn Jahre alt und hellwach: Mit seinem Vater und seinem Onkel lebt er in einem alten Bauernhof direkt neben der Landebahn eines Flugplatzes. Vater Willem ist als Flughafenförster dafür zuständig, daß keine Vogelschwärme die landenden und startenden Maschinen behindern, und Onkel Fred betreibt mit ungebremstem Optimismus einen Campingplatz für "plane spotters". Gieles' Mutter dagegen ist meistens abwesend, ihre ganze Hingabe gehört ihren Hilfsprojekten in Afrika. Und Gieles selbst? Der ist verliebt, in Meike, die es mit ihren Piercings ein wenig übertreibt, vor allem aber in seine vier Gänse, die nur so lange ein Bleiberecht auf dem Gelände haben, wie sie sich nicht in die Luft erheben. Doch genau das bringt Gieles auf eine zündende Idee, wie er die Aufmerksamkeit seiner Mutter zurückerobern kann: das Geheimprojekt "Geniale Rettungsaktion 3032".


Anne-Gine Goemans
Gleitflug
Insel
Oktober 2012 - gebunden - 447 Seiten



Die Autorin

Anne-Gine Goemans, geboren 1971, wuchs im Bollenstreek auf, dem berühmtesten Tulpenanbaugebiet der Niederlande. Sie studierte an der Schule für Journalistik in Utrecht, wo sie später auch lehrte, und in Aix-en-Provence. Als freie Journalistin schreibt sie für Tageszeitungen und Magazine u. a. über kulturwissenschaftliche Themen. Aus einem journalistischen Projekt über die Kulturlandschaft der Tulpenfelder und die ganz eigene, farbenprächtige Welt des "Tulpenadels" entwickelte sich ihr erster Roman, Ziekzoekers, für den sie 2008 den renommierten Anton Wachter-Preis für das beste literarische Debüt erhielt. Ihr zweiter Roman Gleitflug, der 2011 erschien, war nominiert für den BNG-Literaturpreis sowie den Libris-Literaturpreis und wurde mit dem Dioraphte-Preis 2012 ausgezeichnet; er wird derzeit in den Niederlanden verfilmt. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wohnt Anne-Gine Goemans in Spaarndam, einem Dorf in Nord-Holland.
 
Die Band The Hype hat, inspiriert von Gleitflug, einen Song geschrieben, Who Knows, Maybe, den man sich hier auf youtube anhören kann.


Leseprobe

Hallo Christian!
Mein Name ist Gieles. Ich habe Sie und Ihr Gänse fliegen sehen bei der Flugschau. Ein magisches Spektakel, habe ich entdeckt. Sie und Ihr Moped sind sehr hoch im Himmel geflogen. Mein Vater sagt, womit Sie fliegen, sind Weißgesichtgänse, aber ich weiß exakt, es sind Gnomgänse.
Entschuldigung für mein Französisch, ich habe große Probleme mit Ihr Sprache. Ich will meine Anstrengung geben. Es sind Jahre, dass ich eine Leidenschaft habe für Gänse. Ich bin vierzehn Jahre alt. Ich habe zwei braune Gänse, amerikanische Tufted Buff. Sie tragen eine Haube, sehr schön und sehr charmant. Exakt wie Sie bin ich Gänseaufklärer und instruiere meine Gänse für ein Projekt. Meine Gänse hören bis sicheren Grad passabel, sie sind nicht schüchtern. Manchmal mehr frech. Sie sind ähnlich wie die Kinder meiner Nachbarin Dolly. Meine Nachbarin ist mehr als passabel hübsch.
Für die Instruktion nehme ich einen Stock. Der Stock ist nicht für Gewalt, sondern für den Gehorsam. Ich nehme immer anderen Stock. Wenn meine Gänse meinen Stock länger kennen, ist der Gehorsam verschwunden. Das ist nicht ratsam. Ihr ziehende Arten sind exzellent in Hören. Mein Kompliment, auch bezüglich Ihr Frau. Ihr Gänse sehen Sie und Ihr Frau als Adoptivvater. Meine Gänse, ahne ich, sehen mich als Bruder oder Cousin, womit man sich ein Vergnügen machen kann. Exakt wie die Kinder meiner Nachbarin, wofür ich Babysitting mache. Ich wohne in den Niederlanden neben einer Flugzeugbahn. Sie werden bemerken: Gänse neben der Flugzeugbahn geben Schwierigkeiten! Ich gebe für Sie absolut Recht. Zum Glück fliegen meine Gänse nicht auf die Bahn. Das kommt, ahne ich, von meiner Instruktion (darüber bin ich bereits etwas stolz). Sind Sie beruhigt, meine Gänse leben nicht in Gefangenschaft. Gefangene Vögel sind ein Skandal, der abgeschafft werden muss. Meine Gänse leben in Freiheit auf unseren Campingplatz. Das ist ein Campingplatz für die Menschen, die Flugzeuge lieben. Sie sammeln Flugzeuge, wie wenn es Briefmarken sind.
Sie fragen natürlich, warum der Junge für Sie schreibt. Ich schreibe nicht, weil ich mit in dem zweisitzigen Moped fliegen will, obwohl ich ahne, dass es ein wahres Spektakel ist. In der gleichen hohen Höhe wie die Gänse im Himmel, zusammen mit den ziehenden Arten vorbei an Kumuluswolken! Leider ist Ihr Tourismus zu kostspielig für mich. Ich schreibe für Sie wegen eines total anderen Motivs, wegen des Inhalts von unserer Instruktion der Gänse.

Gieles zögerte. Wie sollte er dem weltberühmten Gänsespezialisten, Meteorologen, Piloten, Filmemacher, Ornithologen, Fotografen, Autor, Veganer und Tierschützer wenigstens die wichtigsten Fragen stellen, ohne zu viel von seinem außergewöhnlichen Plan zu verraten?

Die komplette Leseprobe als pdf-Download

Anne-Gine Goemans über ihren Roman Gleitflug

Gleitflug hätte ich nie geschrieben, wenn ich nicht von der Stadt ins Dorf umgezogen wäre. Große Romantik. Überall Gänse, Blässhühner und Aale. Wir bekamen drei Kinder in unserem Haus am Deich. Zum ersten Mal wurde mir die Landschaft bewusst und die Art und Weise, wie sie einen beeinflusst. Ich begann mich für den Boden zu interessieren, auf dem wir leben. Plötzlich wurde mir klar, warum der amerikanischen Schriftstellerin Annie Proulx die Darstellung ihrer Figuren so ausnehmend gut gelingt. Bevor sie eine Geschichte zu erzählen beginnt, vertieft sie sich zunächst in ein Gebiet. Man könnte sagen, sie verleibt sich den Boden ein. Erst wenn eine Landschaft durch ihre Adern fließt, erschafft sie die Figuren.
Meine Faszination für Land und für die Menschen, die es hervorbringt, fand vor vier Jahren ihren Niederschlag in meinem Debütroman Ziekzoekers (dt. etwa: Krankheitssucher), für den das alte Tulpenanbaugebiet als Hintergrund diente.
Auch bei Gleitflug habe ich mich von meiner Umgebung inspirieren lassen. Das liebliche Spaarndam verlor von jetzt auf nachher seine Unschuld, als vor acht Jahren eine Flugroute über das Dorf eröffnet wurde: die berüchtigte Polderbahn. Es war, als würden Luftangriffe auf uns geflogen. Wir nahmen den Kampf dagegen auf aus dem Gedanken heraus: Wenn man etwas Gutes erhalten will, muss man sich dafür ins Zeug legen. Gleichzeitig verfolgte ich den Prozess als Informationsquelle für mein Buch. Ich recherchierte, ging zu Demonstrationen und anderen Veranstaltungen. Ich sprach mit Bewohnern, die direkt neben Landebahnen wohnen. Wie zum Beispiel die kettenrauchende Dame, die den Kerosingestank in Kauf nahm und sich lediglich daran störte, dass die Piloten sie vielleicht sehen könnten, wenn sie nackt am Schlafzimmerfenster stand.
Aus meiner Faszination für dieses Gebiet und meiner Verbundenheit mit der Umgebung ist schließlich Gleitflug entstanden. Es ist die Geschichte des vierzehnjährigen Gieles, der zusammen mit seinem Vater, einem Onkel und einem Gänsepaar neben einer Landebahn wohnt. Während fast alle ringsum weggezogen sind, versucht Gieles, die Liebe seiner abwesenden Mutter zu gewinnen. Parallel zur Geschichte von Gieles verläuft ein historischer Erzählstrang. Ich merkte während meiner Recherche, wie mein Interesse an der Vergangenheit des Haarlemmermeers wuchs. Vor knapp 160 Jahren legten Tausende von Männern und Frauen diesen See trocken. Ich las von den Polderarbeitern, die scharenweise an Malaria, Typhus und Schwindsucht starben oder einfach tot zusammenbrachen. Erzählt wird diese Geschichte von meinen Figuren Ide und Sophia Warrens.
In Gleitflug entspringen die Lebensläufe von Ide und Sophia der Feder von Super Waling, einem gutmütigen Fettwanst in einem Elektromobil, der sich mit der Hauptfigur, Gieles, anfreundet. Obwohl er viele Jahre älter ist als Gieles, entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen den beiden. Die Welt hat den dicken Mann ausgekotzt, aber der Junge weist ihn nicht ab. Und in Super Waling findet Gieles zum ersten Mal einen Erwachsenen, der ihm zuhört. Gemeinsam begeben sie sich auf Entdeckungstour durch den Polder.
Natürlich hoffe ich, dass sich die Menschen durch die Lektüre von Gleitflug ihrer Umgebung stärker bewusst werden. Und dass sie auch öfter das Gefühl haben, sich so oder so entscheiden zu können: Die Niederlande müssen nicht unbedingt unter einer Asphaltschicht verschwinden. Ich schreibe aber nicht aus einem Sendungsbewusstsein heraus. In Gleitflug geht es vor allem um Liebe, Freundschaft, Träume und den Drang, das Beste aus allem zu machen. Unabhängig vom Ort und von den Umständen.

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen