Archipel (Buch)

Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2018

Buch
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Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2018: ein großer europäischer Familienroman von der Peripherie des Kontinents: der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa. "Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und... (weiter)

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Details
AutorIn Inger-Maria Mahlke
Edition 5. Aufl.
Seiten 429
EAN 9783498042240
Sprache deutsch
erschienen bei Rowohlt Verlag GmbH
Erscheinungsdatum 21.08.2018
Stichwörter Kanarische Inseln
Teneriffa
Bernadotte
Spanischer Bürgerkrieg
Deutscher Buchpreis
Rezensionen
Autorenportrait
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Geschichte in Sprüngen nach hinten
»Was liest Du?«-Rezension von FIRIEL, am 24.09.2018

Ort: Teneriffa, Zeit: 9. Juli 2015. Handlung: eigentlich keine. Ana ist Politikerin und in einen Skandal verwickelt; sie muss abtauchen. Ihr Mann Felipe hängt nur noch im Club ab, seit ihm nicht die Leitung eines Forschungsprojekt zugesprochen wurde und er seine Dozentur hingeworfen hat. Ihre Tochter Rosa "macht was mit Kunst", aber was genau weiß sie selbst nicht. Der Einzige, der hier noch eine sinnvolle Aufgabe hat, ist Anas Vater Julio, der mit über neunzig Jahren Pförtner im Altenheim ist und darauf achtet, dass keiner der dementen Bewohner nach draußen verschwindet.

Eine ziemlich verfahrene Situation. Wie konnte es dazu kommen? Langsam schreitet die Geschichte zurück: Nach 2015 lesen wir von 2007, von 2000, von 1993 und so weiter bis hin zu 1919 und der Nacht, in der Julio geboren wird. Dabei bewegt sich Mahlke in Sprüngen. Mal landet sie bei einer Episode, die von historischer Bedeutung ist, wie z.B. Francos Besuch, von dem aus er seinen Staatsstreich führte, dann wieder erzählt sie private Vorkommnisse. Dabei bleiben viele Lücken: Weder wird ausführlich von der Geschichte der Kanarischen Inseln berichtet noch ergibt sich ein umfassendes Bild der Protagonisten. Alles bleibt ausschnitthaft; diese Ausschnitte sind aber von detailliert und erzählerisch gekonnt, so dass ich von den Personen angezogen wurde.

Die Idee, eine Geschichte "von hinten" zu erzählen, ist ungewöhnlich und die Lektüre zunächst sperrig. Üblich sind doch Entwicklungsgeschichten, möglichst zu einem positiven Ziel führend. Thomas Mann, der in seinen "Buddenbrooks" vom Verfall einer Familie erzählte, ging damit einen ungewöhnlichen Weg. Auch hier empfinde ich die Figuren der Gegenwart , besonders Ana und Felipe, als kraftlos und ohne sichere Identität. Dagegen gibt es in der Vergangenheit doch einige Charakterköpfe zu entdecken. Aber dass früher alles besser war, kann man daraus auch wieder nicht schließen. Und die Vermutung, dass sich die Gegenwart aus der Vergangenheit erklärt, trifft auch nicht zu: Sicher grenzen die bisherigen Erfahrungen Möglichkeiten ein, aber dennoch ist nicht alles festgelegt. 

Ein formal innovativer Roman, der mit vielen Auslassungen spielt und dem Leser einiges zumutet, aber auch zutraut. Er steht auf der shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018; zum Zeitpunkt dieser Rezension steht der Siegertitel noch nicht fest.

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Romanhandlung rückwärts erzählt hemmt den Lesefluss
»Was liest Du?«-Rezension von Ingrid von buchsichten.de, am 10.09.2018

Der Roman „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke spielt vor dem Hintergrund einer einhundertjährigen Geschichte, die mich als Leserin mit auf die Inselgruppe der Kanarischen Inseln nahm. Die Autorin siedelt die Ereignisse im Buch hauptsächlich auf Teneriffa an, einer Insel die ich selbst zweimal besucht habe, so dass ich mir das Umfeld sehr gut vorstellen konnte. Einen Eindruck dazu gibt das Cover. Im oberen Bereich sind die Inseln des Archipels Gran Canaria und Teneriffa als alte Kartenabbildung zu entdecken, im unteren Bereich steht ein Drachenbaum vor einem typischen kanarischen Landhaus.

Die Geschichte beginnt im Juli 2015. Zunächst lernte ich als Leser die Familie Bernadotte kennen. Sie wohnen in San Cristobal de La Laguna im Norden von Teneriffa. Ana ist Ende 50, studierte Verwaltungswissenschaftlerin und heute in der Politik auf der Seite der Konservativen aktiv. Sie ist aktuell in einen Abhörskandal verwickelt. Ihr kaum älterer Mann Felipe ist ein Spross einer früher auf der Insel hochangesehenen Familie. Früher war er Professor, jetzt ist er nur noch ein Schatten seiner selbst, im Clubhaus sitzend, dem Alkohol zusprechend und den Tag genießend. Rosa, die Tochter der beiden, hat gerade ihr Kunststudium in Madrid abgebrochen und ist auf die Insel zu ihren Eltern zurückgekehrt. Julio Baute, ihr Großvater mütterlicherseits versieht derweil mit Mitte 90 noch seinen Dienst als Pförtner im örtlichen Seniorenheim. Sein Leben umklammert die gesamte Erzählung.

Kaum hatte Inger-Maria Mahlke ihre Figuren und den entsprechenden Hintergrund aufgebaut, steuert sie ihre Geschichte rückwärts über die Jahre bis 1919. Das war sicher nicht nur für mich ungewohnt. Die handelnden Personen blieben in ihrer Zeit zurück, Andeutungen bezüglich des zukünftigen Geschehens blieben unausgeführt. Stattdessen begegneten mir die Charaktere in zunehmend jüngerer Form und ihre Vorfahren. Die Autorin zeigt auf diesem Weg ein Bild der Gesellschaft und der Historie des Archipels, die verknüpft sind mit der Geschichte ganz Europas. Ihre Liebe für die Heimat und seiner Bewohner finden Eingang in ihre Schilderung.

Die Familien von Ana und Felipe beeinflussen die Geschehnisse nicht, sind aber von den Auswirkungen betroffen. Inger-Maria Mahlkes Charaktere bilden alle Gesellschaftsschichten ab, denn neben den Familienzweigen der Bernadottes und der Bautes folgt sie auch dem der Haushälterin von Ana und Felipe. Ihre Themen sind vielschichtig und reichen von Altersarmut über Umgang mit Medien bis hin zu Faschismus und Spanischer Grippe. Während der Rückwärtsgang der Erzählung manches Mal notwendigerweise eine Erklärung des geschichtlichen Hintergrunds benötigt, bei denen die Autorin sich kurz fasst, liegen ihr ihre Figuren am Herzen. Ihr Ding sind die Alltagsbeobachtungen und dazu zoomt sie gerne die Situation nah ran und beschreibt mit ausschmückenden Worten und Sätzen. Dadurch erreicht sie eine große Nähe zu den Personen. Leider fühlte ich mich durch den besonderen Erzählstil nicht zu den Charakteren hingezogen. Mein Lesefluss wurde immer wieder unterbrochen. Kaum nahm das Geschehen vor meinen Augen Form an nahm musste ich es auch wieder gehenlassen und mich mit der Erzählung zurück bewegen.

Einerseits wirkt der Roman konstruiert, der Gedankengang strengt an weil es immer wieder zu Abbrüchen der stringenten Erzählführung kommt. Andererseits zolle ich der Idee und der Ausführung, die Romanhandlung rückwärts zu erzählen, große Anerkennung.

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Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2018: ein großer europäischer Familienroman von der Peripherie des Kontinents: der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa. "Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten. In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte". Damit fängt es an. Und mit Rosa, die zurückkehrt auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der vormals einflussreichen Bernadottes. Rosa sucht. Was, weiß sie nicht genau. Doch für eine Weile sieht es so aus, als könnte sie es im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, finden. Ausgerechnet dort, wo Julio noch mit über neunzig Jahren den Posten des Pförtners innehat. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener der Faschisten, er floh und kam wieder, und heute hütet er die letzte Lebenspforte der Alten von der Insel. Julio ist Rosas Großvater. Von der mütterlichen Seite. Einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt. Inger-Maria Mahlke ist in nur wenigen Jahren zu einer der renommiertesten deutschen Schriftstellerinnen avanciert und hat sich mit jedem ihrer Bücher thematisch und formal weiter vorgewagt. In "Archipel" führt sie rückwärts durch ein Jahrhundert voller Umbrüche und Verwerfungen, großer Erwartungen und kleiner Siege. Es ist Julios Jahrhundert, das der Bautes und Bernadottes, der Wieses, der Moores und González' - Familiennamen aus ganz Europa. Aber da sind auch die, die keine Namen haben: Die Frau etwa, die für alle nur 'die Katze' war: unverheiratete Mutter, Köchin, Tomatenpackerin - und irgendwann verschwunden. Denn manchmal bestimmen Willkür, Laune, Zufall oder schlicht: mitreißende Erzählkunst über das, was geht, und das, was kommt.

Mahlke, Inger-Maria Inger-Maria Mahlke wuchs in Lübeck und auf Teneriffa auf, studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete dort am Lehrstuhl für Kriminologie. 2009 gewann sie den Berliner Open Mike. Ihr Debütroman "Silberfischchen" wurde ein Jahr später mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet. Für einen Auszug aus ihrem Roman "Rechnung" offen bekam sie beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis den Ernst-Willner-Preis zugesprochen; 2014 erhielt sie den Karl-Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Ihr Roman "Wie Ihr wollt" gelangte unter anderem auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, den sie 2018 für den Roman "Archipel" dann erhielt. Inger-Maria Mahlke lebt in Berlin.