Brüder

Brüder (Buch)

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2019 (Shortlist)

Buch
Für Bewertung bitte einloggen!

Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind. Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von... (weiter)

€ 23,00 *
Preis
inkl MwSt.

Auch erhältlich als:
eBook EPUB 16,99
  • sofort lieferbar
  • portofreie Lieferung innerh. Deutschland
  • Geschenkverpackung möglich

Details
AutorIn Jackie Thomae
Edition 7. Aufl.
Seiten 432
EAN 9783446264151
Sprache deutsch
erschienen bei Hanser Berlin
Erscheinungsdatum 09.2019
Stichwörter 90er Jahre
Afrikaner in der DDR
Afrodeutsche
alte BRD
Anderssein
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.3 | 21 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 4.4 |  10 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.3 |  11 Bewertungen

5 Sterne
( 5 )
4 Sterne
( 2 )
3 Sterne
( 1 )
2 Sterne
1 Stern

Was macht uns zu dem, der wir sind?
»Was liest Du?«-Rezension von Mikka Gottstein, am 12.11.2019


„Brüder“ erzählt die Geschichten von Mick und Gabriel, die von ihrem Vater nur die dunkle Hautfarbe geerbt haben. Ihre Leben nehmen geradezu gegensätzliche Verläufe, bis sie sich lose überschneiden.
Im ersten Teil des Buches folgen wir dem Leben von Mick, 1985 bis 2000. Mick bringt sich schon als Jugendlicher ständig in Schwierigkeiten: er trinkt und kokst und dealt und versucht, mit Klein- bis Großkriminalität das schnelle Geld zu machen.
Dazu kommen bedeutungslose Frauengeschichten, fragwürdige Freunde und eine generelle Haltlosigkeit. Er ist kein schlechter Kerl, eigentlich nicht, nur auf Abwege geraten – immer wieder. Was machst du denn, du bist doch nicht dumm? Warum dieser ganze Schwachsinn, du bist doch kreativ? Das wollte ich ihn beim Lesen immer wieder fragen. Man ahnt, er könnte das, was er sucht, finden, wenn er nur endlich einen Gang runterschalten und seine eigenen Ressourcen ausloten würde. Denn die hat er; da ist ganz viel Potential, das er nur nicht ausschöpft.
Dann kommt in einem Intermezzo Idris zu Wort, der Vater.
Man erfährt etwas über seinen Hintergrund: Wie es ihn aus dem Senegal in die DDR verschlug und wieder zurück. Was ihn motivierte. Wie es kam, dass er im selben Jahr zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen bekam. Letztendlich bleibt jedoch nur eines mit absoluter Sicherheit stehen: er ließ beide Mütter und beide Söhne im Stich. Ein Samenspender also, kein Vater – doch jetzt langsam in einem Alter, in dem er seine ganze Familie um sich versammeln will.
Der zweite Teil des Buches schließt zeitlich an den ersten an und handelt von Gabriel. Gabriel ist diszipliniert, karriereorientiert und dabei gleichzeitig ein Advokat sozialer Gerechtigkeit. Sein Leben verläuft strikt nach Schema, er überlässt nichts dem Zufall.
Albert, sein Sohn im Teenager-Alter, rebelliert gegen diese Starre, und seine Frau Fleur predigt ihm schon seit langem, er leide an Burnout, was er vehement abstreitet. Es ist Albert, der Dreadlocks trägt, während Gabriel sich von einer Freundin anhören muss, er sei ein „Oreo“ – außen schwarz, innen weiß, ein Möchtegern-Weißer.
Als er schließlich unter dem Karrieredruck zerbricht und eine schwarze Studentin aus banalstem Grund demütigt, muss er sich vor Gericht verantworten und wird als Rassist gebrandmarkt.
Im Epilog, der 2017 spielt, laufen die Geschichten zusammen.
Mick und Gabriel kennen sich nicht, sie wissen noch nicht einmal voneinander, bis Idris sie kontaktiert. Man kann sich ohnehin kaum vorstellen, dass sie sich mögen würden – ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich nach Gemeinsamkeiten suchte und mich stattdessen an frappanten Unterschieden stieß. Gemeinsam haben sie tatsächlich nur ihre Haltlosigkeit: beide wissen so gut wie nichts über ihre Herkunft und die Kultur ihres Vaters, sie nennen keine tragfähige afrodeutsche Identität Ihr eigen.
Die Auflösung wird nicht so vollständig und nahtlos vollzogen, wie man es sich als Leser vielleicht gewünscht hätte. Dennoch: da schließen sich Kreise, da eröffnen sich neue Möglichkeiten, und mehr kann man sich nicht erwarten. Ein erzwungenes Allround-Happy-End würde dem Buch nicht gerecht werden, es ist schon gut so, wie es ist.
So unterschiedlich die Brüder sind, so unterschiedlich lesen sich auch die beiden Teile des Buches. Das führt zu einem drastischen stilistischen Bruch, der aber als passendes Stilmittel unterstreicht, wie gegensätzlich die Brüder in jeder Hinsicht sind.
Das Leben von Mick wird in der dritten Person erzählt. Das wirkt mal wie eine augenzwinkernde Gaunerschmonzette, mal wie ein Spannungsroman. Gabriel hingegen spricht nüchtern und vernunftsbetont in der ersten Person, und auch seine Frau Fleur kommt direkt in der Ich-Perspektive zu Wort.
Es kommen viele Themen zur Sprache – Rassismus, gesellschaftlicher Druck, Familie, die Zustände in der DDR –, doch keines davon wird so plakativ überreizt, dass dahinter die subtile Charakterisierung der beiden Brüder verloren gehen würde.
Die Autorin ist ohnehin eine Meisterin der Grauzonen.
Hier ist nichts und niemand eindeutig gut oder schlecht. Sie spricht von verpassten und ergriffenen Chancen, von Akzeptanz und Verrat, von Glücks- und Unglücksfällen… Von verschiedenen Leben, deren Echos über Generationen widerhallen, ob man davor die Ohren verschließt oder nicht.
Daraus ergibt sich ein beeindruckender Tiefgang, dem die Leichtigkeit dennoch nicht abhanden kommt. Die Charaktere wirken so echt, dass ich immer noch das Gefühl habe, ihre Leben müssten nun, wo ich das Buch beendet habe, auch ohne mich weiterlaufen. Sie sind in jeder Hinsicht vielschichtig und stimmig, so dass man auch dann gewillt ist, ihren Geschichten zu folgen, wenn sie schlechte Entscheidungen treffen.
Fazit
Mick und Gabriel sind schwarz. Mehr hat ihr Vater Idris ihnen bisher nicht geschenkt.
Sie wissen nichts voneinander, ihre Leben verlaufen so unterschiedlich, wie es nur möglich ist: Mick ist der mit der kleinkriminellen Jugend, Gabriel ist der studierte Architekt. Dennoch ist es Gabriel, der die Nerven verliert und eine Studentin so attackiert und demütigt, dass die Sache vor Gericht geht. Als Idris seine Söhne kennenlernen will, überschneiden sich die drei Leben.
Jackie Thomae erzählt das mit Leichtigkeit, unterhaltsam und doch keineswegs banal. Ein Buch, dem man Zeit geben sollte, das dabei aber nie langweilig wird.


Dieser Rezension erschien zunächst auf meinem Blog:
https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-jackie-thomae-brueder/
 

mehr zeigen ...

Große Erzälkunst
»Was liest Du?«-Rezension von Marshall Trueblood, am 07.10.2019

Mick und Gabriel werden beide 1970 geboren. Ihr Vater, ein Afrikaner, der in der DDR studiert hat, hat ihnen nur die Hautfarbe hinterlassen. Jackie Thomae entwirft ein Porträt zweier Männer, die zwar ähnliche Gene haben, sich aber ganz unterschiedlich entwickeln. Aber beide haben Fragen, an sich, an ihre Mitmenschen, an das Leben.

Der Roman hat mich begeistert. Im Grunde sind es zwei Romane in einem. Im ersten Teil bin ich Mick begegnet, im zweiten Teil Gabriel. Die beiden Teile sind völlig unterschiedlich geschrieben, verbunden sind sie nur durch ein kurzes Zwischenspiel, aber das hat mir gereicht. Vielleicht hat mich das Ganze auch so begeistert, weil ich ungefähr zur gleichen Zeit wie Mick und Gabriel aufgewachsen bin. Da wurden Erinnerungen wach. 

Die Autorin schreibt großartig, ich weiß nicht, wie ich das anders formulieren soll. Mick mit seinem Hang, stets einen Schritt von illegalen Machenschaften entfernt zu sein und mit seiner Bindungsunfähigkeit; Gabriel, der in London zum Stararchitekten aufsteigt und Frau und Sohn zumindest finanziell absichert. Alle Charaktere werden in diesem Roman lebendig und Jackie Thomae macht nicht den Fehler, und das hätte durchaus passieren können, die Hautfarbe der Protagonisten oder den Mauerfall zu sehr in die Handlung miteinzubeziehen. Mit großer erzählerischen Kraft hat sie mich durch zwei Leben geführt, die die gleiche Ausgangssituation hatten, sich aber unterschiedlich entwickelt haben. 

Ein unglaublich bunter Roman, der völlig zu Recht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gelandet ist.

mehr zeigen ...

Alle Rezensionen ansehen

Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind. Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück - bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da - ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.

Thomae, Jackie Jackie Thomae, geboren 1972 in Halle, aufgewachsen in Leipzig und Berlin, arbeitet als Journalistin und Fernsehautorin. 2015 erschien ihr Debütroman Momente der Klarheit. Mit ihrem zweiten Roman, Brüder, stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Sie lebt in Berlin.