Mittagsstunde (Buch)

Roman

Buch
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Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.

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Details
AutorIn Dörte Hansen
Seiten 320
EAN 9783328600039
Sprache deutsch
erschienen bei Penguin Verlag
Erscheinungsdatum 15.10.2018
Stichwörter Altes Land
Heimatroman
deutsche Gegenwartsliteratur
Dörte Hansen Altes Land
Bestsellerautorin
Rezensionen
Autorenportrait
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Comes a Time
»Was liest Du?«-Rezension von ulrike rabe, am 19.01.2019

Marret Feddersen sieht in allem Möglichen Zeichen des nahenden  Untergangs Schon als Kind war sie seltsam, „verdreiht“. Auf ihren Runden durch das Dorf Brinkebüll  erkennt sie jeder am Geräusch ihrer Klapperlatschen. „Marret Ünnergang“ wird sie nur mehr genannt. Als viel später ihr Sohn Ingwer nach jahrelanger Abwesenheit nach Brinkebüll zurückkehrt, zieht er Bilanz. Sein Leben, das Dorf, alles hat sich gewandelt. So nimmt auch er eine Auszeit, um seinen greisen Großeltern Sönke und Ella beizustehen.

Mittagsstunde, High Noon in Brinkebüll, nur dass sich hier nicht Gut und Böse im ewigen Kampf gegenüberstehen, sondern alt gegen neu, Tradition gegen Fortschritt.

Es sind viele berührende Szenen, die Dörte Hansen aus dem Dorfleben beschreibt. Die Handlung verläuft in zwei Zeitebenen. Zum einen befinden wir uns in den Nachkriegsjahren bis in die 60er, Jahre des Aufbaus, der Beginn einer neuen Zeit und zum anderen in der Gegenwart, in der Brinkebüll  fast wie eine Geisterstadt anmutet. Schule, Laden, die alten Höfe gibt es nicht mehr. Gerade noch Sönkes Wirtshaus besteht noch. Die Zeit der Feste im Brinkebüller Saal sind vorbei, kein Frühschoppen, kein Umtrunk bis zum Morgen. Es ist eine verkehrte Welt. Städter ziehen nach Brinkebüll, um die Ursprünglichkeit zu suchen, die die Landwirte im Zuge der Modernisierung abgeschafft haben. Es ist nicht nur das Dorfsterben, dass die Autorin beschreibt. Sie greift sehr viele Themen auf, sehr breit angelegt: Pflege der Familienangehörigen im Alter, Demenz, Inklusion, unbewältigte Kriegstraumata, die Bildungsschere zwischen Stadt und Land und vor allem die Einsamkeit und Isolation in unklaren oder ungeliebten Beziehungen. Paare, die jahrzehntelang mehr nebeneinander statt miteinander leben, die nicht miteinander reden, sondern übereinander, das macht die Geschichte über das Dorfleben hinaus universell. Es ist eine nostalgische Erzählung, durchsetzt mit wehmütigem Humor. Skurrile Figuren damals wie heute geben dem Buch eine zutiefst menschliche Seite. Aber Hansen erzählt auch von den Chancen eines Neuanfangs, einer Weiterentwicklung, der Suche und nach dem Platz im Leben.

 

 

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Klapperlatschen
»Was liest Du?«-Rezension von wal.li, am 16.01.2019

Mit ihren Klapperlatschen klappert sie durch Brinkebüll und kündet vom nahenden Untergang, deshalb wird sie im Dorf nur Marret Ünnergang genannt. Jahre später kehrt der auch nicht mehr ganz junge Ingwer Feddersen in sein Dorf zurück. Der Archäologe hat sich ein Jahr Auszeit an der Uni Kiel genommen, wo er als Hochschullehrer tätig ist. Ein Jahr, dass er seinen Großeltern schenken möchte, die inzwischen beide über 90 etwas Hilfe benötigen. Seine Großmutter Ella ist noch rüstig, allerdings der Geist will nicht mehr. Beim Großvater Sönke ist es gerade umgekehrt, der Geist ist klar, der Körper klapprig. Für Ingwer beginnt eine Zeit der Hingabe, aber auch der Erinnerung und Besinnung auf das, was er eigentlich will.

 

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit mäandert dieser gehaltvolle Roman hin und her. Man erlebt die Zeit des langsamen Niedergangs eines norddeutschen Dorfes. Von der Flurbereinigung in den 1960ern an bis in die Gegenwart wird in anrührenden Episoden berichtet, wie es mit dem Dorf und seinen skurrilen Charakteren immer weniger wird. Da werden scheinbar nicht nur Wiesen und Felder begradigt, auch die knorrigen Dorfbewohner scheinen in jeder Generation eine Runderneuerung zu erleiden. Schließlich ist Sönke noch eines der wenigen verbliebenen Originale auch Dörpsmensch genannt. Immer noch betreibt er seinen Dorfkrug, der fast genauso vereinsamt ist wie das Dorf und seine Bewohner.

 

Sehr einfühlsam beschreibt Dörte Hansen das Schicksal des fiktiven Brinkebüll, das sie zwar in Norddeutschland verortet hat, das aber vermutlich auch in jeder ländlichen Gegend gewachsen sein könnte. Urige Dörfchen mit Klein- und Großbauern, einer Gastwirtschaft, ein Tante Emma Laden, vielleicht eine Bäckerei, ein Schlachter und eine Werkstatt. Viele Leser kennen es wahrscheinlich. Was es einmal gab und was noch da ist. Wenn Felder und Wiesen wegen der Flurbereinigung getauscht werden sollten, die Straßen gemacht wurden, und ein Gewerbe nach dem anderen verschwand. Doch in jedem Verschwinden liegt auch eine Erneuerung. Die heimelige, aber auch stichelige Stimmung verschwindet. Doch eine Dorfgemeinschaft kann sich auch neu finden. Und so ist dieser Roman von Melancholie, Wind und Abschied geprägt, auch von Aufbruch, Humor und Liebe zum Land.

 

Ein zweites Buch kann es mitunter schwer haben, wenn es mit dem ersten verglichen wird. Dieses aber braucht den Vergleich nicht zu scheuen, es ist anders zwar, aber eher im Sinne einer Weiterentwicklung und Perfektionierung. Einfach klasse geschrieben, ein Fest für solche, die vom Lande kommen und vielleicht auch für solche, die eine Entdeckung machen wollen.

 

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Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt »Altes Land« wurde 2015 zum »Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels« gekürt und avancierte zum Jahresbestseller 2015 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr zweiter Roman »Mittagsstunde« ist im Herbst 2018 erschienen und wird von Lesern und Kritik gefeiert. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.