Das flüssige Land

Das flüssige Land (Buch)

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Österreichischen Buchpreis 2019 (Shortlist)

Buch
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"Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur" Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist) Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die... (weiter)

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Details
AutorIn Raphaela Edelbauer
Edition 4. Aufl.
Seiten 350
EAN 9783608964363
Sprache deutsch
erschienen bei Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum 09.2019
Stichwörter Österreich
Nationalsozialismus
Kleinstadt
Provinzroman
Gräfin
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø3.6 | 34 Meinungen

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Wenn der Boden unter den Füßen wegbricht
»Was liest Du?«-Rezension von FIRIEL, am 23.02.2020

Ruth Schwarz arbeitet schon seit Jahren an ihrer Habilitationsschrift über eine alternative Theorie der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind demnach nicht aufeinanderfolgende Zeiträume, sondern sie existieren nebeneinander, wenn es sie denn überhaupt gibt. "Nun sagen wir, dass meine Habilitation in mein Leben hineinexpandierte, dass sie wie ein Tumor begann, die anderen Gewebe zu verdrängen."  Aus dieser Verquickung wird Ruth durch den Unfalltod ihrer Eltern herausgerissen. Sie möchte sie in Groß-Einland, ihrem Herkunftsort, begraben. Doch das ist schwieriger als gedacht, denn der Ort findet sich auf keiner Karte. Ruth taucht in die Erinnerungen ein, begibt sich auf die Suche und findet durch einen Zufall tatsächlich die kleine Stadt. Auf den ersten Blick wirkt sie idyllisch, doch das täuscht: Unter der Stadt befinden sich weit verzweigte Bergbaustollen, ein riesiger Hohlraum, der immer weiter absackt; die Gebäude sind vom Einsturz bedroht. Doch niemand scheint diese Gefahr ernst zu nehmen; statt dessen wird über Jahre ein großes Fest als Touristenattraktion geplant, bei dem der Hohlraum aufgefüllt werden soll. Auch über anderes wird geschwiegen: Wohin sind die Zwangsarbeiter der Nazizeit verschwunden? Wo verlieren sich die Spuren von Ruths Großvater? Und was haben ihre Eltern in der letzten Zeit vor dem Unfall in Groß-Einland gesucht?

Der Roman hat surrealistische Züge und erinnert an Kafka; über dem Städtchen liegt das Schloss. Unmögliches, Unlogisches wird ohne Erstaunen hingenommen. Wie in einer Parabel steht hier manches Bild für etwas Anderes. Macht das Verdrängen der Vergangenheit den Boden brüchig, auf dem wir stehen? Vergiftet das Zukleistern von Tiefen das Leben? Gibt es Parallelen zwischen der psychischen Verletzbarkeit des Einzelnen (Ruth ist medikamentenabhängig) und der kollektiven Verleugnung? 

Die Parabel wird nicht eindeutig aufgelöst, es gibt keine klaren Zuschreibungen. Ich hätte mir deutlichere Zusammenhänge gewünscht, doch ich muss zugeben, dass das nicht zum Buch gepasst hätte. So kann ich sagen: Ich war über weite Strecken des Buches fasziniert, nicht nur vom ungewöhnlichen Inhalt, sondern auch von der Sprache. Und wenn die Autorin ein neues Buch herausbringt, werde ich es mir sicherlich mit Spannung ansehen.

Das Buch steht auf der Nominierungsliste zum Deutschen Buchpreis 2019.

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Phantasievolle Geschichte mit starkem Gegenwartsbezug
»Was liest Du?«-Rezension von Yexxo, am 03.02.2020

Als die promovierte Physikerin Ruth nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sich auf der Suche nach deren früherem Leben macht, landet sie in Groß-Einland, wo die beiden aufgewachsen sind. Eine völlige Idylle, in der die Menschen praktisch unbemerkt vom Rest der Welt leben, da die Gemeinde nirgendwo verzeichnet und nur schwer zugänglich ist. Dennoch verlängert Ruth ihren Aufenthalt dort eher widerwillig und fühlt sich überraschenderweise jedoch nach kurzer Zeit heimisch. Schnell ist sie Teil der Dorfgemeinschaft und die über allem thronende Gräfin gibt ihr zudem eine gute Arbeitsstelle. Doch es liegt Unheil über dem Dorf - Gegenwärtiges und Vergangenes. Ein riesiges Loch in der Erde droht Alles zu verschlingen, auch die Untaten während der Zeit des Dritten Reiches. Während Ruth versucht das Dorf zu retten, forscht sie gleichzeitig nach, was damals geschah.
Was für eine verrückte Geschichte! In der Zusammenfassung mag sich dies nicht so lesen, doch es sind die Details des Ganzen, die einen ungläubig den Kopf schütteln, gleichzeitig aber gebannt weiterlesen lassen. Ein ganzer Ort versinkt mehr und mehr im Untergrund, aber das Leben geht sogar trotz Todesfällen weiter wie gewohnt. Es wirkt wie ein potemkinsches Dorf, das von einer mysteriösen Gräfin für die BewohnerInnen aufrecht erhalten wird. Sie selbst bestimmt über die gesamte Gemeinde, sogar der Bürgermeister hält bei Allem still.
Literarisch gebildeten LeserInnen fällt natürlich bald auf, dass es sich hier um eine Parabel handelt. Wie im wahren Leben werden unschöne Dinge hier zwar nicht unter den Teppich, dafür aber in das Loch gekehrt - insbesondere Geschehenes während des II. Weltkrieges. Es wird geschwiegen um des lieben Friedens willen, denn wer hat schon etwas davon, wenn man die alten Dinge wieder hervorholt? Die Wahrheit ist zwar bekannt, doch hören geschweige denn aussprechen will sie niemand. Der Mensch an sich ist zudem bequem, weshalb also aufbegehren gegen etwas was einen nicht betrifft, solange man selbst es gut hat? Auch gegen die Gräfin, die trotz Abschaffung der Aristokratie über die gesamte Gemeinde bestimmt (auch, was es im Supermarkt zu kaufen gibt), gibt es keinen Widerstand, denn sie kümmert sich ja um Alle.
Ruth ist die Einzige, die Fragen stellt und zweifelt, doch je mehr sie Teil der Gemeinde wird, umso schwieriger fällt es ihr, ihre Nachforschungen weiter zu betreiben. Als Lesende fühlt man mit ihr und ihren widerstrebenden Gefühlen, zwischen der Suche nach der Wahrheit und der Zuneigung zu den Menschen, die sie mit dieser Suche verletzt.
Die Autorin packt eine Menge in diese Geschichte und gegen Ende ist es mir fast ein bisschen zu viel. Während ich mich zu Beginn noch völlig von den teils abstrusen Gegebenheiten faszinieren und unterhalten ließ, wurden die Andeutungen auf Konkretes jedoch ständig stärker und zahlreicher (zumindest kam es mir so vor), so dass das Faszinierende zusehends abnahm. Schade drum!

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"Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur" Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist) Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund. Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist. Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind. "Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor." Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Edelbauer, Raphaela Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Hinterbrühl auf. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst, war Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds und wurde für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage 2018 ausgezeichnet. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewann sie 2018 den Publikumspreis. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen.