Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Der Gedanke an das Glück und an das Ende (Buch)

Roman. Grand Prix RTL-Lire 2012

Jean-Luc Seigle

Übersetzung: Andrea Spingler

Buch
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Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die Familie Chassaing. Für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles. Der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird... (weiter)

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Details
AutorIn Jean-Luc Seigle
Übersetzung Andrea Spingler
Seiten 224
EAN 9783406667558
Sprache deutsch
erschienen bei Beck
Erscheinungsdatum 15.07.2014
Ursprungstitel En vieillissant les hommes pleurent
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.1 | 6 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 4.3 |  2 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4 |  4 Bewertungen

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1 Stern

Ein Buch der leisen Töne ...
»Was liest Du?«-Rezension von Angelika, am 05.08.2014

~~Klappentext
Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die französische Familie Chassaing, für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles; der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird den Chassaings der erste Fernseher in das Dorf geliefert, weil eine Sendung über den Krieg, in der Henri auftritt, ausgestrahlt wird. Alle werden kommen. Auch erfährt man auf eine geradezu zarte Weise durch Albert, dass Suzanne, die alles Neue liebt, an diesem Tag anfängt, einen anderen Mann zu begehren. Er weiß, er wird nichts dagegen tun können, er wird ihr nicht den Weg in die Zukunft geben können, weil der Zweite Weltkrieg ihn verändert hat.

 

Albert Chassaing war 1940  auf Burg Schoenenbourg stationiert, einer der Festungen der sogenannten Maginotlinie, die Frankreich vor einem Angriff Deutschlands schützen sollte. Die Deutschen umgingen und durchbrachen diese "uneinnehmbare" Linie allerdings, was sehr bald zur Kapitulation Frankreichs führte, ein französisches Trauma. „Denn jenseits der Demütigung, die sie erlitten hatten, war diese Niederlage für sie wie ein Gnadenstoß, als … (…) … ja, als hätte sie alle eine Kugel ins Herz getroffen. (S. 221) Und genau dieses Trauma lässt Albert am Leben verzweifeln. Er sieht keinen Sinn mehr darin zu leben, einzig die tägliche körperliche harte Arbeit gibt ihm ein bisschen das Gefühl, das er lebt. Doch in Wirklichkeit ist Albert Chassaing auf dem Feld gestorben. Dieses Trauma verfolgt Albert jeden Tag. Er denkt oft daran Schluss zu machen.

In der Nacht des 9. Juli 1961 erhängt er sich dann letztendlich. Doch vorher bekommt der Leser einen Einblick in das Leben der Familie. Sie alle lieben einander, doch keiner/ keine kann seine Gefühle wirklich zeigen.  Jedes einzelne Familienmitglied lebt in seiner eigenen Welt. Albert ist immer noch im Krieg gefangen, Suzanne in ihrer Liebe zu ihrem Sohn Henri und Gilles in der Traumwelt seiner Bücher.

Diese Geschichte spielt an einem einzigen Tag im Leben der Familie Chassaing. Der Autor schafft es mit einer wundervollen poetischen und melancholischen Stimmung diesen Tag zu beschreiben. Ein Tag der alles verändert, der zeigt wie nahe Glück und Tod beieinanderliegt.

Obwohl dieses Buch sehr melancholisch ist und auch tragisch endet, hinterlässt es in mir ein Gefühl der Wärme und Dankbarkeit … denn am Ende hat jeder von den Chassaings seinen eigenen Weg gefunden.

 

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Die große Traurigkeit
»Was liest Du?«-Rezension von Petra, am 18.07.2014

Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch.
"En vieillissant les hommes pleurent" heißt der Originaltitel. Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesem Krieg, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem in Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Zunächst ahnt der Leser nicht, wie es zu Alberts bodenloser Traurigkeit, seiner Erschöpfung, seinem Lebensüberdruss kommen konnte. Keine glückliche Familie, aber auch keine offensichtlichen Abgründe. Wir begleiten die Familie, dazu gehört noch die alte Madame Chassaing und in Gedanken der früh verstorbene Vater, eine kurze Zeit, erleben, wie der erste Fernsehapparat bei ihnen ankommt - unter großer Anteilnahme der gesamten Dorfbevölkerung - , verfolgen die Annäherung von Gilles an den neuen Nachbarn, einem ehemaligen Lehrer, beobachten, wie Suzanne mit dem Postboten anbändelt. Es geschieht nichts weiter und doch erleben wir, wie sich die Schlinge der Traurigkeit und Verzweiflung um Albert immer enger zieht. Irgendwann wird klar, dass sie auch mit Erlebnissen zu tun hat, die noch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, in dem der Vater Soldat war, zurückreichen. Dieser war 1940 auf Burg Schoenenbourg stationiert, einer der Festungen der sogenennten Maginotlinie, die Frankreich vor einem Angriff Deutschlands schützen sollte. Die Deutschen umgingen und durchbrachen diese "uneinnehmbare" Linie allerdings, was sehr bald zur Kapitulation Frankreichs führte, ein französisches Trauma. Im letzten Teil des Buches - nicht wirklich integriert - geht der nun 60jährige Gilles als Professor auf diese Maginotlinie und ihre Bedeutung ein. Dieser Abschnitt war zwar recht interessant, passte aber für mein Empfinden in seiner Sachlichkeit nur wenig zu der zuvor erzählten Familiengeschichte, in der der Autor ganz leise, eindringlich einer großen Lebenstraurigkeit und ihrer Auswirkung auf die gesamte Familie nachzugehen versucht. Dennoch eine lohnende Lektüre! 

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Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die Familie Chassaing. Für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles. Der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird den Chassaings der erste Fernseher in das Dorf geliefert, weil eine Sendung über den Krieg, in der Henri auftritt, ausgestrahlt wird. Alle werden kommen. Auch erfährt man auf eine geradezu zärtliche Weise durch Albert, dass Suzanne, die alles Neue liebt, an diesem Tag anfängt einen anderen Mann zu begehren. Er weiß, er wird nichts dagegen tun können, weil der Zweite Weltkrieg ihn verändert hat. Er kämpfte in der Festung Schoenenbourg der Maginotlinie. In der Nacht des 9. Juli erhängt sich Albert. Zuvor eröffnet er seinem jüngeren, gerade Honoré de Balzacs Eugénie Grandet mehr erlebenden als lesenden Sohn Gilles die Möglichkeit, in dieser ländlichen Arbeiterwelt seiner Leidenschaft für die Literatur nachzugehen. Er bittet den alten Lehrer, sich um ihn zu kümmern. Die Gefühlslagen der verschiedenen Familienmitglieder in der Stimmung der Nachkriegszeit werden so einfühlsam und genau beschrieben, dass man sich dem nicht entziehen kann. Wie nahe sich die Mitglieder einer Familie auch sind, sich lieben und wie wenig sie ihr Leben doch miteinander teilen können, dieser Erfahrung wird in dem Roman in gekonnt verknappten Dialogen und einer poetischen und schnörkellosen Sprache nachgegangen auf eine dem Menschen zutiefst zugewandte Weise.

Jean-Luc Seigle, 1959 in Clermont-Ferrand geboren, ist Schriftsteller und lebt in Nordfrankreich am Meer. Er hat Romane, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. "Der Gedanke an das Glück und an das Ende" ist sein erstes Buch auf Deutsch.