Der Sommer meiner Mutter

Der Sommer meiner Mutter (Buch)

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Longlist)

Buch
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Sommer 1969. Während auf den Straßen gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, fiebert der elfjährige Tobias am Stadtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen. Zugleich trübt sich die harmonische... (weiter)

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Details
AutorIn Ulrich Woelk
Edition 3. Aufl.
Seiten 189
EAN 9783406734496
Sprache deutsch
erschienen bei Beck C. H.
Erscheinungsdatum 25.01.2019
Stichwörter Roman
Literatur
Belletristik
Ulrich Woelk
Köln
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Umbrüche in der Familie
»Was liest Du?«-Rezension von nikolausi, am 12.05.2019

Vom ersten Satz an weiß der Leser, dass das Buch ein tragisches Ende hat – den Suizid der Mutter des 11jährigen Erzählers Tobias. Über die Gründe lassen sich im Lauf der Geschichte nur Vermutungen anstellen, die sich dann – nur so viel sei verraten - bestimmt als völlig daneben liegend erweisen werden. Bis dahin erhält man Einblick in das Leben der gutbürgerlichen, katholischen Kleinfamilie aus einem Kölner Vorort im Frühjahr/Sommer 1969. Scheinbar ist bei ihnen alles in Ordnung. Dass dem nicht so ist, tritt zu Tage, als sie neue Nachbarn bekommen, die so völlig anders sind – der Vater Philosophieprofessor mit politischem Interesse, seine Frau berufstätig, beide Kommunisten. Die Eltern freunden sich an ebenso wie Sohn und Tochter, die erste sexuelle Erfahrungen miteinander erleben. Und in der Nacht der Mondlandung der Amerikaner verändert sich für beide Familien alles …

Die Geschichte ist ruhig geschrieben. Wessen Kindheit in die 1960er Jahre fällt, der wird viele Details aus eben dieser Zeit wiedererkennen. Eine wichtige Rolle kommt der Emanzipation der Frau und ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu. Weil der Autor studierter Astrophysiker ist, flicht er sehr verständlich die Umstände um die erste Mondlandung ein.

Dieses Buch sollte man nicht verpassen.

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Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzählt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins
»Was liest Du?«-Rezension von Winfried Stanzick, am 29.01.2019

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6

 

Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

 

Mit diesen Worten beginnt der 11-jährige Ich-Erzähler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 196, eine Geschichte, die für ihn selbst und seine Eltern massive Veränderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern - der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem Kölner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer großen Panorama-Fensterfront zum Garten.

Tobias ist Einzelkind, interessiert sich für alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im Frühjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die für den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der Elfjährige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, weiß er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter für „es“ seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verständigen Vater nicht gefällt und er darüber frustriert ist.

 

Kurze Zeit zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnjährigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einführen( Doors und Janis Joplin) sondern auch in die körperliche Liebe.

Die Eltern Rosas sind überzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni Köln Philosophie, „Adorno, Bloch und die Frankfurter Schule“ und die Mutter übersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht übereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst für einen Verlag zu übersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.

Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne  Wissen der Männer an der ersten Kölner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.

 

Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterlässt diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einfängt, unbeteiligt und vor allen Dingen unverändert.

 

Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.

 

Und während Armstrong und Aldrin ihre Füße in den Staub der Mondoberfläche drücken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. Während Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte später als für die Mission „Rosetta“ bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der persönliche und politische Aufbruch für Tobias` Mutter tragisch.

 

Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener Veränderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln ließ. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.

 

Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzählt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.

 

 

 

 

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Sommer 1969. Während auf den Straßen gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, fiebert der elfjährige Tobias am Stadtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen. Zugleich trübt sich die harmonische Ehe seiner Eltern ein. Seine Mutter fühlt sich eingeengt, und als im Nachbarhaus ein linkes, engagiertes Ehepaar einzieht, beschleunigen sich die Dinge. Tobias, eher konservative Eltern freunden sich mit den neuen Nachbarn an, und deren dreizehnjährige Tochter, Rosa, eigenwillig und klug, bringt ihm nicht nur Popmusik und Literatur bei, sondern auch Berührungen und Gefühle, die fast so spannend sind wie die Raumfahrt. Auch die Eltern der beiden verbringen viel Zeit miteinander, zwischen den Paaren entwickelt sich eine wechselseitige Anziehung - "Wahlverwandtschaften" am Rhein. Und während Armstrong und Aldrin sich auf das Betreten des Mondes vorbereiten, erleben Tobias und seine Mutter beide eine erotische Initiation... Ulrich Woelk erzählt spannend, atmosphärisch dicht und herzzerreißend von einem Aufbruch, persönlich und politisch, der tragisch endet.

Ulrich Woelk, geboren 1960, studierte Physik und Philosophie in Tübingen. Sein erster Roman, "Freigang", erschien 1990 und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Woelk lebt als freier Schriftsteller und Dramatiker in Berlin. Seine Romane und Erzählungen sind unter anderem ins Englische, Französische, Chinesische und Polnische übersetzt.