Die Geschichte des verlorenen Kindes (Buch)

Reife und Alter

Elena Ferrante

Übersetzung: Karin Krieger

Buch
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Elena ist schließlich doch nach Neapel zurückgekehrt, aus Liebe. Die beste Entscheidung ihres ganzen Lebens, glaubt sie, doch als sich ihr nach und nach die ganze Wahrheit über den geliebten Mann offenbart,... (weiter)

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Details
AutorIn Elena Ferrante
Übersetzung Karin Krieger
Seiten 614
EAN 9783518425763
Sprache deutsch
erschienen bei Suhrkamp Verlag AG
Erscheinungsdatum 04.02.2018
Ursprungstitel Storia della bambina perduta
Stichwörter Romane Bestseller 2018
Italien
weihnachtsgeschenke
Die Geschichte eines neuen Namens
Spiegel-Bestseller
Rezensionen
Gesamtmeinung:
Ø4.5 | 84 Meinungen

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Der lang erwartete Abschluss der Neapel-Saga
»Was liest Du?«-Rezension von Gisel, am 30.04.2018

In den achtziger Jahren kehrt Elena nach Neapel zurück, und Elena und Lila erleben ihre Freundschaft wieder intensiver. In diesem vierten Band schließt sich der Bogen, den die Autorin auf den ersten Seiten des ersten Bandes begonnen hat, der Leser erfährt die restliche Geschichte der beiden Frauen, und nimmt die Frage nach dem Verschwinden der Freundin wieder auf.

Auf interessante Weise schildert die Autorin die Freundschaft der beiden Frauen, eine Freundschaft, die von vielerlei (auch negativen) Emotionen begleitet ist. Dabei streift sie schonungslos viele Themen Italiens in den achtziger Jahren bis hin ins neue Jahrtausend, aber auch die Lebensthemen der beiden Frauen erhalten neue Höhepunkte, die den Alltag der beiden betreffen. Deutlich wird, wie Elenas und Lilas Leben miteinander verbunden waren, sowohl in Zeiten der Nähe wie auch des Abstands, wie beide Frauen erst im Miteinander zu derjenigen wurden, die sie im Leben geworden sind: dass Elena erst im Gegensatz zu Lila die Schriftstellerin wurde, während Lila zur heimlichen Macht im Rione Neapels werden konnte. Verblüfft habe ich festgestellt, wie gut es der Autorin gelingt, bereits bekannte Aspekte der Freundschaft zwischen den beiden Frauen herauszuarbeiten, aber auch neue hervorzubringen. Dies scheint mir ähnlich gut gelungen zu sein wie im ersten Band, es war mir eine besondere Freude, diesen Abschluss zu lesen. 

Etwas verwirrt hat mich der völlig offene Abschluss des Buches hinterlassen, denn zwar sind viele Fäden des Buches zum Abschluss gebracht worden, aber die wichtigste Frage, mit der die Autorin uns Leser in die Geschichte gelockt hat, wurde nicht aufgelöst. Zugegeben, damit hat sie mich mehr zum Nachdenken gebracht als mit einer vorgegebenen Erklärung. Dennoch bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit, denn dieses offene Ende war für mich nicht vorhersehbar. 

Erstaunlich ist es, wie sehr es der Autorin immer noch gelingt, ihre Anonymität zu wahren, scheint das doch in der heutigen Zeit der sozialen Netzwerke kaum machbar. Erstaunlich vor allem auch, weil Elena Ferrante kein Blatt vor den Mund nimmt, um Neapel zu schildern, es ist wahrlich kein touristisch geschöntes Bild, das der Leser hier von dieser Stadt erfährt. Angetan bin ich hingegen davon, wie die Autorin es völlig offen lässt, ob es sich hier um eine Autobiografie handelt oder ob sie die Geschehnisse erfunden hat auf dem Hintergrund der Gegebenheiten in Neapel. Dieses Verwirrspiel ist ihr bis zum Schluss hervorragend gelungen. Bis auf das offene Ende der Geschichte hat mich das Buch dermaßen überzeugt, dass ich nun mit leichten Abstrichen fünf von fünf Sternen vergebe.

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Neapolitanischer Kreislauf des Lebens
»Was liest Du?«-Rezension von Mara S., am 29.04.2018

Romanreihen dieser Art lesen sich schlecht von hinten nach vorn – daher lässt es sich leider nicht vermeiden, dass die Gedanken in dieser Rezension zu Band 4 der Neapel-Reihe von Elena Ferrante auch die vorherigen Bücher mit einschließen werden. Wer also die ersten drei Bücher noch nicht gelesen hat, sollte jetzt lieber nicht weiterlesen.

Richtig gute Romane verschlinge ich mit viel Freude und zwinge mich deshalb oft für die letzten 100 Seiten auf die Bremse zu treten, um noch so lange wie möglich mit den Protagonisten in deren Geschichte zu verweilen und den Abschied hinaus zu zögern. Es ist ein süßer Schmerz in dieser Spannung zwischen dem Wunsch, das Ende zu kennen und der Gewissheit, das Buch dann beendet zu haben.

Über viele Wochen haben mich nun Elena und Lila begleitet. Ich erlebte, unter welch schwierigen Umständen sie aufwachsen mussten, wie das Leben und die Liebe spielen kann und dass nach der Hochzeit nicht alles unweigerlich besser wird. Der Kampf zweier Frauen um ihr Glück und um ihre Eigenständigkeit gegen den Rest der Welt und viel zu oft auch gegeneinander. Am Ende bin ich froh, den beiden Lebewohl sagen zu dürfen und bleibe zwiegespalten zurück. Das ist vielleicht ungerecht den ersten drei Teilen gegenüber, aber Band vier empfand ich wirklich als äußerst anstrengend. Mir ging Elena zunehmend auf die Nerven. Selbst als erwachsene Frau und bekannte Schriftstellerin kreiste sie permanent um sich und ihre Konkurrenz mit Lila. Dass, was mich in den Vorgängerbüchern noch als sehr interessant und aufschlussreich ins Grübeln um meine eigenen Freundschaften und Beziehungen brachte, verlor im letzten Teil irgendwie seine Glaubwürdigkeit für mich. Vielleicht liegt es daran, dass ich diese letzten Lebensalter von Elena und Lila noch vor mir habe und eigentlich hoffe, dass das Vergleichen und Konkurrieren ja irgendwann einmal der Zufriedenheit weichen muss. Dann spricht hier also nur meine eigene Überheblichkeit, diese Form der Arroganz, die mich bei Elena die Wände hoch gehen lässt.

Nino entpuppt sich als absoluter Schwerenöter, ganz in die Fußstapfen seines Vaters tretend. Was wir Leser schon länger ahnten und Lila durch Antonio ausspionieren ließ, dieser Wahrheit muss auch Elena endlich ins Gesicht blicken. Selbst wenn sie mit ihrem Ehemann Pietro nicht unglücklich gewesen wäre, so hätte Nino sicherlich dennoch leichtes Spiel bei ihr gehabt. Die Genugtuung, ihn nun doch „bekommen“ zu haben, obwohl ihn ihr Lila damals weggenommen hatte, macht sie blind für die Realität. Sie wiederholt mit ihm Lilas Geschichte und merkt es nicht. Die Verhältnisse im Rione scheinen sich nach Elenas Rückkehr ganz allmählich wieder denen ihrer Kindheit anzunähern. Dieses Auf und Ab im Leben, die Wiederholungen innerhalb der Familien, das Streiten, die Gewalt, die ungleichen Machtverhältnisse, all das gibt dem Roman eine deprimierende Schwere. Als würden uns die Buchseiten hinab ziehen in dieses heruntergekommene Viertel und uns nie wieder auftauchen lassen wollen. Es ist wie bei Elena, egal wohin es sie auch zieht, den Rione trägt sie in sich. Sie ist sich bis ins hohe Alter nicht sicher, ob sie es wirklich verdient hat, Erfolg im Leben zu haben. Sie schafft es nicht, aus sich selbst heraus Zufriedenheit zu finden, sondern lässt sich hineinziehen in den Trubel der Bewunderung von außen, um dann umso härter immer wieder auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen.

Eine Meinung zu Lila aufzubauen, fällt mir ungleich schwerer. Alles ist von Elenas Erzählung eingefärbt. Über Lila erfahren wir immer nur von anderen, vornehmlich aus der Perspektive von Elena. Das schürt bei mir Distanz. Ich lasse sie als Figur nicht an mich heran, betrachte sie wie ein Tier im Zoo – mit Staunen und Mitleid. So wie Elena sie beschreibt, ist sie mir furchtbar anstrengend und ihr Wankelmut ist nervend. Sie wirkt an vielen Stellen so verloren und reagiert wie ein bissiger Hund oder hat zuviel Oberwasser, dass sie sich für unangreifbar und unverletzlich hält. Nie ist man sich sicher, ob sie Elena nun wirklich gern hat oder nicht. Das bringt natürlich eine permanente Spannung in die Erzählung, irgendwann scheint das Konzept aber auch ausgereizt. Diese Freundschaft bleibt ein großes Rätsel, aber sie bringt auch viele Denkanstöße mit sich.

Und besonders interessant ist das Italien und seine Entwicklung um die beiden Hauptfiguren herum. Die politischen Umwälzungen, der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung, der wachsende Anspruch auf Bildung, die mafiösen Strukturen vom Kleinen bis ins Große über diese vielen Jahrzehnte hinweg – das hat mich wirklich begeistert. Es lenkt den Blick hinaus über die Klischees, die ich von Italien im Kopf habe und zeigt mir auf, wie wenig ich weiß. Manchmal hätte ich mir hier allerdings auch etwas mehr Genauigkeit von Elena gewünscht. Historische Fakten finden sich natürlich eher nicht in ihren Ausführungen.

Die riesige mediale Begeisterung für die Neapelreihe kann ich dennoch nicht ganz nachvollziehen. Der Stil der Ich-Erzählerin ist teilweise unnötig langatmig und wird durch ihre unablässige Nabelschau aufgebauscht. Sprünge und Vorwegnahmen bringen Dissonanzen in den chronologischen Erzählfluss, die wiederum redundant wirken. Man hätte die gleiche Geschichte sicherlich auch nur mit der Hälfte der Seitenanzahl eleganter erzählen können – aber dann wären auch keine vier Bücher in den Verkauf gekommen, sondern nur zwei.

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Elena ist schließlich doch nach Neapel zurückgekehrt, aus Liebe. Die beste Entscheidung ihres ganzen Lebens, glaubt sie, doch als sich ihr nach und nach die ganze Wahrheit über den geliebten Mann offenbart, fällt sie ins Bodenlose. Lila, die ihren Schicksalsort nie verlassen hat, ist eine erfolgreiche Unternehmerin geworden, aber dieser Erfolg kommt sie teuer zu stehen. Denn sie gerät zusehends in die grausame, chauvinistische Welt des verbrecherischen Neapels, eine Welt, die sie Zeit ihres Lebens verabscheut und bekämpft hat. Bei allen Verwerfungen und Rivalitäten, die ihre lange gemeinsamen Geschichte prägen - Lila und Elena halten einander die Treue, und fast scheint das Glück eine späte Möglichkeit. Aber beide haben sie übersehen, dass ihre hartnäckigsten Verehrer im Lauf der Jahre zu erbitterten Feinden geworden sind.