Das Guantanamo-Tagebuch

Das Guantanamo-Tagebuch (Taschenbuch)

Taschenbuch
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Schlafentzug, Dauerlärm, Todesdrohung: Mohamedou Slahis Geständnis wurde unter Folter erpresst: Er ist einer der Hauptverdächtigen des 11. Septembers. Obwohl ein Gericht bereits 2010 seine Freilassung angeordnet... (weiter)

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Details
AutorIn Mohamedou Ould Slahi
Edition 4. Aufl.
Seiten 459
EAN 9783608503302
Sprache deutsch
erschienen bei Tropen
Erstverkaufsdatum 20.01.2015
Ursprungstitel Guantánamo Diary
Stichwörter Biografisch
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.8 | 11 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 5 |  3 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.8 |  8 Bewertungen

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erschreckend und beeindruckend....lesenswert!
»Was liest Du?«-Rezension von Simone, am 11.04.2015

Mohamedou Old Slahi ist 44 Jahre alt und befindet sich seit Februar 2000 im Visier der Amerikaner. Diese vermuten, dass er maßgeblich am "Millenium Plot" beteiligt gewesen sein soll, bei denen im Rahmen des Jahreswechsels 1999/2000 diverse Anschläge u.a. auf den Flughafen von Los Angeles stattfinden sollten. Des Weiteren soll er als Anwerber für al Quaida die Flugzeugentfüher angeworben haben.

Mohamedou wird erstmals Anfang 2000 im Auftrag der USA in seiner Heimat Mauretanien festgenommen und wieder freigelassen, nachdem sich keine stichhaltigen Anhaltspunkte für seine Beteiligung an Anschlägen finden konnten. Nach den Anschlägen 2001 wird er erneut im Auftrag der USA in seiner Heimat festgenommen und wieder freigelassen. Im November 2001 bittet der mauretanische Geheimdienst ihn erneut um ein Gespräch. Mohamedou fährt mit seinem eigenen Auto zur Polizei und wird dort festgenommen. Obwohl die Mauretanier weiterhin nicht von seiner Schuld überzeugt sind, liefern sie ihren Staatsbürger an die CIA aus, die ihn in einem Flugzeug nach Jordanien verfrachtet, wo er über sieben Monate vom dortigen Geheimdienst im Auftrag der USA verhört wird. Seine Angehörigen denken, dass er weiterhin in Mauretanien im Gefängnis sitzt und geben dort u.a. Kleidung für ihn ab. Im Juli 2002 wird er auf die Luftwaffenbasis Bagram in Afghanistan verlegt und im August 2002 nach Guantanomo verbracht, wo er sich heute mehr und damit seit nahezu 13 Jahren (!!!) immer noch befindet, ohne dass Anklage gegen ihn erhoben wurde.

Zum Buch:

Mohamedou hat über seine Erlebnisse im Zeitraum von Januar 2000 bis 2005 ein Tagebuch verfasst, u.a. um seinen Anwälten seine Erlebnisse zu schildern.

Dieses Tagebuch ist eine beeindruckende Schilderung, wie die USA nach den Anschlägen von 2001 jegliche Rechtsstaatlichkeit, die auch für Kriegsgefangene gilt, verloren haben. Die Angehörigen von Mohamedou haben erst nach Jahren erfahren, wo sich Mohamedou befindet. Der Zugang zum internationalen roten Kreuz wurde ihm rechtswidrig über Jahre verwehrt und er wurde über Monate, wenn nicht gar Jahre gefoltert (Schlafentzug, Lärm, sexuelle Belästigung, Schläge, sadistische Verhaltensweisen). Insbesondere bei der ausführlichen Schilderung der Folter wird einem beim Lesen schlecht und man fragt sich, warum dies in der heutigen Zeit einfach so geduldet wird. Interessant ist dabei z.B. die Information, dass die Folter nach dem Wechsel hin zu Obama zunächst noch zunahm, weil alle wussten, dass dies so nicht mehr geduldet wird und jeder noch mal seine Chance zum Schlagen oder Qälen nutzen wollte.....erschreckend wozu Menschen fähig sind.....

Das Tagebuch wurde vor der Freigabe durch die Regierung der USA zensiert. Der Herausgeber hat die Schwärzungen bewusst stehen gelassen und mit Fußnoten erläutert. Es ist zum Teil wirklich amüsant, welche Wörter geschwärzt wurden (z.B. die Existenz weiblicher Vernehmungsbeamten oder das Wort "Tränen").

Beeindruckend an diesem Buch finde ich, wieviel Humor und Menschlichkeit der Autor besitzt. Obwohl er seit Jahrzehnten ohne Strafverfahren festgehalten wird und schlimmster Folter ausgesetzt war, ist er in der Lage, zwischen den Wärtern und den Vernehmungsbeamten zu differenzieren und insbesondere deren menschliche und netten Seite herauszustellen. Auch hat man das Gefühl, dass er keinen Hass auf die USA hat. Dies finde ich sehr erstaunlich. Beeindruckend ist auch die Nachbemerkung, aus der hervorgeht, dass Mohamedou äußerte, dass er keinen Groll gegen die handelnden Personen hege. Er träume davon, eines Tage mit allen bei einer Tasse Tee zusammenzusitzen, nachdem man so viel voneinander gelernt habe.

Natürlich führt das Lesen des Buches dazu, dass man dazu tendiert zu denken, dass hier ein Mensch unschuldig in Haft sitzt.Ob dies wirklich stimmt, oder ob Mohamedou zumindest al Quaida unterstützt hat, mag nur er selber wissen. Aber das Buch zeigt ganz deutlich, dass man der Wahrheit nicht durch unrechtmäßigen Freiheitsentzug und Folter näher kommt. Letztlich bleibt man als Leser mit der Frage zurück, wie es sein kann, dass hier immer noch Menschen im Auftrag der USA in Haft sind, ohne dass sie angeklagt werden. Mohamedou selber stellte im Jahre 2005 einen Antrag auf Haftprüfung, der dazu führte dass im Jahre 2010 seine Freilassung angeordent wurde. Die Obama-Regierung legte hiergegen Beruf ein. Über die Berufung ist bis heute, d.h. seit 5 Jahren (!!!) nicht verhandelt worden...

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Unfassbar
»Was liest Du?«-Rezension von Beate , am 18.02.2015

Nachdem Mohamedou 12 Jahre lang in Deutschland und Kanada studiert hat, beschließt er in seine Heimat Mauretanien zurückzukehren. Auf der Reise wird der junge Mann zwei Mal verhaftet und zum Millennium Plot befragt. Laut diesem Plan sollte der Flughafen von Los Angeles bombardiert werden. Ihm kann keine Beteiligung nachgewiesen werden und er wird wieder frei gelassen. Nachdem er ein Jahr bei seiner Familie in Mauretanien gelebt hat, wird er wieder verhaftet und vom FBI verhört. 2 Wochen lang wird er im Gefängnis festgehalten, bevor er wieder frei gelassen wird, weil man ihm nichts nachweisen kann. Kurz darauf taucht wieder die Polizei bei Slahi auf. Sie bitten ihn aufs Revier zu kommen und er fährt mit dem eigenen Auto hin. Das war das letzte Mal, dass Slahi seine Familie sah. Er wird nach Jordanien geflogen und verhört. Danach kommt er nach Guantanamo, wo er seit 13 Jahren in Haft sitzt.

"Das Guantanamo Tagebuch" ist ein Buch, das ich nur in kleinen Abschnitten lesen konnte. Viel zu grausam war das Beschriebene und ich musste immer erst das Gelesene verarbeiten, bevor ich weitermachen konnte. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Albträume davon bekam, denn eigentlich dachte ich immer, dass früher oder später die Wahrheit ans Licht kommen wird, wenn man ehrlich ist. Das war genauso ein Irrtum, wie die Annahme, es gäbe keine Folter mehr.

Als Mohamedou nach Guantanamo gebracht wird, beginnt er mit seinem Tagebuch. Die amerikanische Regierung hat lange versucht, die Veröffentlichung zu verhindern. Als sie sich nicht mehr vermeiden ließ, haben sie einiges im Buch geschwärzt. Aber der Herausgeber Larry Siems hat versucht, dem Leser das Geschwärzte in Fußnoten zu beschreiben oder zu erklären. Das ist auch oft gelungen. Manchmal konnte aber auch Siems keine Auskunft geben, was das Lesen manchmal etwas mühsam machte.

Ich bin wirklich geschockt. 13 Jahre lang wird Mohamedou jetzt schon verhört. Er wird immer wieder gefoltert, hat unter der Folter Dinge gestanden, die er nicht begangen hat, nur damit die Schmerzen und die Erniedrigungen aufhören. Er hat alle "Geständnisse" widerrufen. 13 Jahre lang ist es dem FBI und den anderen Stellen die ihn verhört haben, nicht gelungen ihm etwas nachzuweisen oder ihm anzuhängen. Und trotzdem wird er immer noch nicht entlassen. Was, denken sie denn jetzt nach der langen Zeit der Folter noch von Slahi zu erfahren? Was könnte er ihnen in den 13 Jahren noch verschwiegen haben?

Teilweise schreibt Mohamedou die Ereignisse sehr emotionslos. Ich denke das musste er, um das Grauen überhaupt zu Papier bringen zu können. Mir kamen öfter beim Lesen die Tränen. Da wird ein Mensch systematisch zerstört, nur weil er nicht das sagt, was von ihm erwartet wird. Erst wird er beschuldigt den Plan zum Millennium-Plot mit ausgearbeitet zu haben und als die Behörden feststellen, dass er damit nichts zu tun haben kann, soll er plötzlich am 11. September beteiligt gewesen sein. Es wird dem Leser klar, dass hier dringend ein Sündenbock gesucht wird.

Die Behörden brauchen jemanden, den sie dem Volk zum Fraß vorwerfen können. Und sie haben sich eben auf Slahi eingeschossen. Dass der seit 13 Jahren seine Unschuld beteuert, interessiert dabei niemanden. Auch nicht, als ein Gericht Mohamedous Freilassung angeordnet hat. Er ist bis heute in Haft und so wie es sich liest, wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

Ich hoffe wirklich, dass viele Menschen dieses Buch lesen um zu erfahren, wie die Regierung der USA wirklich arbeitet. Wie wenig ihnen dabei ein Menschenleben wert ist, wenn sie einen Sündenbock brauchen. Wie hier Tatsachen verdreht werden und 13 Jahre lang gefoltert wird, damit er etwas gesteht, das er nicht getan hat. Ich bin immer noch geschockt und werde wohl noch einige Zeit an dem Buch zu knabbern haben.

Ich vergebe für dieses aufrüttelnde und mutige Buch 5 von 5 Punkten und bete, dass Mohamedou Ould Slahi bald aus der Haft entlassen wird und zu seiner Familie zurückkehren kann. Er wird auch dann nie mehr ein normales Leben führen können, dazu wurde er viel zu kaputt gemacht. Aber er soll wenigstens wieder frei sein und schlafen gehen können ohne Angst zu haben, dass er nachts wieder zur Folter abgeholt wird. Ich wünsche es ihm von ganzen Herzen.

© Beate Senft                     

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Schlafentzug, Dauerlärm, Todesdrohung: Mohamedou Slahis Geständnis wurde unter Folter erpresst: Er ist einer der Hauptverdächtigen des 11. Septembers. Obwohl ein Gericht bereits 2010 seine Freilassung angeordnet hat, bleibt er bis Ende 2016 inhaftiert. Sein ergreifender Bericht ist die bisher einzige bekannte Chronik eines Guantanamo-Gefangenen, die in der Haft verfasst wurde. Slahis Gefangenschaft dokumentiert fast ein ganzes Jahrzehnt des Kampfes gegen den weltweiten Terrorismus. Donald Rumsfeld - mit der Akte "Slahi" vertraut - autorisierte die Behörden, den mutmaßlichen Al-Qaida-Verschwörer intensiven Verhören zu unterziehen - und nahm dabei auch Folterungen in Kauf. Im Jahr 2005 begann Slahi seine Geschichte zu erzählen. Emotional und zugleich um Fairness bemüht, berichtet er von seinen Entführungen durch die Geheimdienste, den Folterungen und den Begegnungen mit seinen Peinigern, aber auch mit Menschen, die sich ihm zuwandten. Der erste Bericht eines Guantanamo-Gefangenen, dessen offizielle Freigabe durch jahrelange juristische Anstrengungen erzwungen wurde.

Slahi, Mohamedou Ould Mohamedou Ould Slahi, geboren 1970 in Mauretanien, studierte mit einem Stipendium Ingenieurswissenschaft in Deutschland. Bevor er im Jahr 2000 nach Mauretanien zurückkehrte, lebte er für kurze Zeit in Kanada. Seit dem 5. August 2002 wird er in Guantanamo Bay, Kuba, gefangen gehalten.