Drehtür (Buch)

Roman. Nominiert für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016

Buch
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Was vom Helfen übrig bleibt Asta ist nach 22 Jahren im Dienst internationaler Hilfsorganisationen am Münchner Flughafen gestrandet. Von den Kollegen weggemobbt aus der Krankenstation in Nicaragua, wo sie zuletzt... (weiter)

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Details
AutorIn Katja Lange-Müller
Seiten 224
EAN 9783462049343
Sprache deutsch
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum 08.08.2016
Stichwörter Narrative theme: Interior life
Partner
Flughafen
Zigaretten
Einsamkeit
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø3.9 | 6 Meinungen

davon Rezensionen:
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davon Bewertungen:
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Wunderbare Lesezeit
»Was liest Du?«-Rezension von Silke Behner, am 05.04.2017

Nach 22 Jahren Arbeit im Dienst internationaler Hilfsorganisationen ist Asta am Münchner Flughafen angekommen. In Nicaragua hatten die Kollegen für ein Ticket gesammelt. Zu ihrem Geburtstag gab es dann die große Überraschung: Ein einfacher Flug nach München, für ihr frühere Heimat Berlin habe das Geld nicht gereicht. Sie möge tun und lassen, was sie wolle, nur zurückkommen solle sie nicht. Und so trifft der Leser Asta rauchend an der Drehtür des Flughafens. Sie denkt über die deutsche Sprache nach, beobachtet Reisende, in denen sie Menschen zu erkennen glaubt, die sie in ihrem Leben getroffen hat. „Den Koch der nordkoreanischen Botschaft, der eines Abends mit geschwollener Wange in einem Berliner Hauseingang hockte, ihre Kollegin Tamara, die ein glühender Fan von Tamara »Tania« Bunke war, ihren Exfreund Kurt, mit dem sie turbulente Wochen in einer tunesischen Ferienanlage verbrachte, einen amerikanischen Schauspieler, der einen Nazi-Arzt darstellte, und einige andere mehr. Mit jeder Zigarette taucht Asta tiefer in ihre Vergangenheit ein – und mit jeder Episode variiert die Erzählerin ein höchst aktuelles und existenzielles Thema: das Helfen und seine Risiken.“

Aufmerksam geworden bin ich auf diese Buch durch sein außergewöhnliches Cover, gefunden habe ich ein großartig erzähltes Stück Lebensgeschichte. Katja Müller-Lange lässt ihre Protagonistin zu keinem Zeitpunkt wehmütig oder gar hadernd in die Vergangenheit blicken. Asta blickt optimistisch in die Zukunft, wohlwissend, dass ihr mit jenseits der sechzig nur noch begrenzt Zeit bleibt, um ihre Träume zu leben. „Doch bald, sehr bald schon, habe ich ein schönes Leben. Frühmorgens krieche ich aus meinem weichen Bett, brüh mir einen Kaffee, türkisch und ohne Milch. Die Tasse in der Hand, laufe ich barfuß zum Strand. Am Himmel kreisen die grauen Pelikane; aber jetzt, vor der aufgehenden Sonne, wirken sie scherenschnittschwarz. Und einer erspäht Beute und lässt sich fallen, schnell und schwer wie ein Stein. Für Sekunden sehe ich den silbrig glänzenden Fisch, dann nur noch, wie er zappelt im schlabbrigen Schnabelsack des Pelikans, der nun wieder abhebt, mit gemächlichen, weit schwingenden Flügelschlägen, und verschwindet, irgendwohin, wo er ungestört verdauen oder seine Jungen füttern und mein Blick ihm nicht folgen kann.“

224 Buchseiten lang habe ich mit Asta an der „Drehtür“ gestanden und es war eine wunderbare Zeit. Dafür gibt es jetzt 6/5 Punkten!

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Astas Geschichten
»Was liest Du?«-Rezension von Yexxo, am 19.02.2017

Ein Roman soll dieses Buch sein, doch auf mich wirkte 'Drehtür' eher wie ein Erzählband. Zusammengehalten werden die etwas mehr als 200 Seiten durch Asta, die nach vielen Jahrzehnten im Ausland als Krankenschwester wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Am Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen gelandet, gönnt sie sich eine Atempause an einer Drehtür, wo sie sich ihrer Nikotinsucht hingeben kann. Dabei beobachtet sie die sie umgebenden Menschen, von denen manche sie an frühere Bekannte, KollegInnen oder FreundInnen erinnert - oder sind es sie vielleicht sogar? Doch immer wieder verliert sie die Personen aus ihrem Blickfeld, jemand Anderes taucht auf - und eine neue Erinnerung bahnt sich ihren Weg in Astas Gedächtnis, um danach wieder zu verschwinden. Wie die Menschen, die durch die Drehtür gehen.
Mir kamen diese Rückblicke, die sehr detailliert geschildert werden, recht wahllos vor. Es geht unter anderem um eine Kollegin, die wiederum den Werdegang einer Möchtegern-Revolutionärin erzählt; ein Aufenthalt in New York, bei dem ein Film das eigentliche Ereignis war; ein Urlaubsaufenthalt mit einem Ex-Freund; eine Begegnung mit einem Nordkoreaner, die vielleicht der Auslöser für ihr eventuelles Helfersyndrom war; ihre einzige wahre Liebe. Es sind mindestens zehn, wenn nicht mehr Geschichten, die häufig wiederum den Rahmen für eine weitere Erzählung bilden. Meist sind es eher alltägliche Begebenheiten, die durch eine bestimmte Wendung zu etwas Außergewöhnlichem werden. Dazwischen hängt Asta ihren eigenen Gedanken nach, beispielsweise über das Helfen an sich oder über die Bedeutung einzelner Worte ihrer Muttersprache, die sie so lange nicht genutzt hat.
Es macht Freude, Katja Lange-Müllers Sprache zu folgen, beinahe mehr als dem Roman (der nach meinem Dafürhalten keiner ist). Denn wie sie die Vielfältigkeit der Worte nutzt und mich beim Lesen immer wieder darüber zum Staunen brachte - das ist wirklich beeindruckend. Nur ein kleines Beispiel: "... wirkte Georg, als ob er den Ostler, der er ja war, nur spiele. - Das ist eine Rolle, dachte ich. Aber wickelt er sich in sie hinein oder aus ihr heraus?"
Wäre das Ganze jetzt noch ein 'richtiger' Roman; eine Geschichte in der man die Entwicklung einer oder mehrerer Personen mitverfolgen kann - ich wäre sicherlich hin und weg gewesen. So aber wird mir vermutlich nur die wirklich gute Sprache der Autorin in Erinnerung bleiben - der Rest eher nicht.

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Was vom Helfen übrig bleibt Asta ist nach 22 Jahren im Dienst internationaler Hilfsorganisationen am Münchner Flughafen gestrandet. Von den Kollegen weggemobbt aus der Krankenstation in Nicaragua, wo sie zuletzt tätig war, steht sie neben einer Drehtür und raucht. Sie wollte eigentlich gar nicht zurück. Aber weil sich ihre Fehlleistungen häuften, bekam sie ein One-Way-Ticket geschenkt. Und nun weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Einigermaßen wohl fühlt sie sich nur, wenn sie gebraucht wird. Und wer könnte sie, die ausgemusterte Krankenschwester, jetzt noch brauchen? Während Asta über sich nachdenkt, beobachtet sie ihre Umgebung - und meint, Menschen wiederzuerkennen, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet ist: den Koch der nordkoreanischen Botschaft, der eines Abends mit geschwollener Wange in einem Berliner Hauseingang hockte, ihre Kollegin Tamara, die ein glühender Fan von Tamara "Tania" Bunke war, ihren Exfreund Kurt, mit dem sie turbulente Wochen in einer tunesischen Ferienanlage verbrachte, und viele andere mehr. Mit jeder Zigarette taucht Asta tiefer in ihre Vergangenheit ein - und mit jeder Episode variiert die Erzählerin ein höchst aktuelles und existenzielles Thema: das Helfen und seine Risiken. Katja Lange-Müller liefert mit diesem Roman einen weiteren Beweis ihrer großartigen Erzählkunst.

Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Ostberlin, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. 1986 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1995 den Alfred-Döblin-Preis für ihre Erzählung 'Verfrühte Tierliebe', 2002 den Preis des ZDF, des Senders 3sat und der Stadt Mainz, 2005 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, 2008 den Preis der LiteraTour Nord, den Gerty-Spies-Preis und den Wilhelm-Raabe-Preis. Im Jahr 2012/2013 war sie Stipendiatin der Villa Massimo und erhielt den Kleist-Preis. Im Jahr 2013/2014 war sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya Istanbul. Weitere Titel bei Kiepenheuer&Witsch: 'Kasper Mauser - Die Feigheit vorm Freund', 1988. 'Verfrühte Tierliebe', 1995. 'Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei', 2000. 'Vom Fisch bespuckt. Neue Erzählungen von 37 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren' (Hg.), 2001. 'Die Enten, die Frauen und die Wahrheit', 2003. 'Böse Schafe', 2007.