HERKUNFT (eBook)

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019

eBook EPUB
Für Bewertung bitte einloggen!

- Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019 - HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der... (weiter)

€ 17,99 *
Preis
inkl MwSt.

Auch erhältlich als:
Buch 22,00
  • sofort lieferbar
  • Dies ist ein Download

Gesamtmeinung:
Ø4.3 | 12 Meinungen
davon Rezensionen:
Ø 4.6 |  5 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.1 |  7 Bewertungen

5 Sterne
( 3 )
4 Sterne
( 1 )
3 Sterne
2 Sterne
1 Stern

Alle Bewertungen mit 5 Sternen ( alle anzeigen )
Zurück zum Artikel
Im Herzen trug ich dich, stets warst du mir teuer, meine liebe Heimat"
»Was liest Du?«-Rezension von lielo99, am 20.11.2019

Er bekam den Deutschen Buchpreis 2019 und sein Roman konnte sich unter den 20 nominierten Büchern durchsetzen. Ich sah mir die Preisverleihung an und hörte seine Rede. Ein sympathischer Mann, der sich nicht scheute, ganz offen seine Meinung kundzutun. Die Sätze klangen abgehackt und mir viel auch auf, dass er gerne mal vom eigentlichen Thema abwich und immer wieder neue Türen öffnete. So wie er redete, so schreibt er auch und ich brauchte einige Seiten, bis ich mich an seinem Stil erfreute.

 

#Herkunft ist ein eigenwilliges Werk und unterscheidet sich wohltuend von der momentan üblichen Literatur. Es ist nicht grundlos, dass Herr Stanisic den Preis erhielt. Der Autor schreibt davon, wie er die Zeit vor dem Jugoslawienkrieg erlebte und wie die unterschiedlichen Ethnien rücksichtsvoll und einvernehmlich miteinander lebten. Es ist die Rede von einem der letzten Fußballspiele einer jugoslawischen Mannschaft und wie er es erlebte. Zunächst waren es nur vereinzelte Kriegshandlungen, bis der Staat zerbrach und Freunde zu Feinden wurden.

 

Herr Stanisic erzählt von seiner Kindheit in Jugoslawien und wechselt immer mal wieder zu dem heutigen Leben in Hamburg. Er ist besorgt, dass heute wieder Stimmen laut werden, die offene Grenzen verurteilen und das Land in dem sie leben, gerne völlig abschotten würden. Völkische Stimmen werden laut und es ist kaum zu glauben, aber schon der Name ist ein wichtiges Kriterium der Unterscheidung von Menschen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welchen Einfluss die Herkunft bezogen auf unsere Ziele und Möglichkeiten hat. Oder, im Gegenzug, welche Möglichkeiten werden uns dadurch verwehrt? Ist die Herkunftsfolklore der Ausweis für Individualität?

 

Das Buch hat mich nachdenklich gestimmt und zeigte mir, wie sehr die Menschen des einstigen Vielvölkerstaates bis heute unter der Zerschlagung leiden. Das war mir vor dem Leben nicht klar und aus dem Grund bin ich dankbar für das Buch #Herkunft. Es ist emotional und von einem Mann geschrieben, der das eigene Erleben in Worte fasste. Nicht das, was er irgendwann einmal irgendwo hörte oder las. Gäbe es mehr als fünf Sterne, ich hätte sie vergeben.

Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019
»Was liest Du?«-Rezension von Mikka, am 15.10.2019


„Herkunft“ klingt nach Heimat, klingt vertraut und einfach, und ist dennoch ein unglaublich komplexes Konzept. „Herkunft“ ist ein Begriff, der dicht verwoben ist mit persönlichen Erfahrungen, Erwartungen, Wünschen und Ängsten, mit dem ureigensten Selbstbild, mit familiärer Historie und dem eigenen geographischen Ursprung, mit Heimat oder deren Verlust. „Herkunft“ ist ein zutiefst subjektives Bedeutungsgeflecht – und dennoch ein Begriff mit politischen Dimensionen, der auch missbraucht wird.
Saša Stanišićs Erinnerungen spiegeln diese Vielfalt perfekt wider.
Ihm gelingt immer aufs Neue die Gratwanderung zwischen der einen und der anderen Facette der Wahrheit. Trauer, Sehnsucht, Wut und Schmerz haben ihren Platz neben Freude und augenzwinkerndem Witz. Mal unheimlich lustig, mal unsäglich tragisch, manchmal beides auf einmal. Er erzählt mit leichtfüßiger Fantasie und viel Humor, ohne die Tragik seiner eigenen Geschichte, untrennbar verbunden mit der Geschichte seines Geburtsorts Višegrad, im geringsten zu schmälern.
Dort kam es im Jahr 1992 zu „ethischen Säuberungen“, in deren Verlauf die beiden Moscheen der Stadt zerstört und etwa 3.000 Menschen der bosnischen Zivilbevölkerung ermordet wurden. Seine bosnisch-muslimische Mutter musste mit dem 14-jährigen Saša über viele Grenzen zu seinem in Deutschland lebendem Onkel fliehen, der serbische Vater kam später nach.
„Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“
Zu Krieg und Vertreibung gesellten sich in Deutschland neue Herausforderungen: Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, die Tankstelle als einziger Jugendtreffpunkt, Schule ohne echte Integration. Auch das erzählt Stanišić nicht ohne Humor, aber ungeschönt.
Dass ihm der Deutsche Buchpreis nur wenige Tage zuteil wird, nachdem Peter Handke den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt wie eine schrille Dissonanz.
Die Trennung von Autor und Werk ist einerseits unverzichtbar für die Autonomie der Literatur – andererseits besteht die berechtigte Frage, bis zu welchem Grad das umsetzbar ist. Ob man wirklich Peter Handke, der jahrelang genau die Kriegsverbrechen beschönigt und kleingeredet hat, die in Višegrad begangen wurden, mit diesem Preis adeln muss.
Dass Saša Stanišić seine Erschütterung in seiner Dankesrede nicht verschweigen konnte und wollte, ist so verständlich wie der unüberhörbare Kloß in seiner Kehle.
Aber zurück zu „Herkunft“ – zurück zu einem Buch, das zurecht gefeiert wird.
Die Sprache ist wunderbar: mal kindlich naiv, mal geradezu weise, mal voller Zärtlichkeit, wenn er zum Beispiel von der Großmutter erzählt, die Stück für Stück an die Demenz verloren geht und mit der das Buch beginnt und endet. Immer treffen seine Worte genau den Nerv der beschriebenen Szene; nie wird es pathetisch, denn wo er Gefühl ausdrückt, wirkt es auch echt.
Die Geschichte hat zunächst scheinbar kein übergreifendes Konzept, setzt sich zusammen aus unzähligen Fragmenten und Momentaufnahmen, aus Lebenswichtigem und scheinbar Banalem – Autobiographie und Heldenreise, Gesellschaftskritik und Migration und ’neulich beim Rollenspiel‘. Daraus entsteht erstaunlicherweise das homogene Gesamtbild einer Familie, für die Herkunft und Heimat keine Einheit mehr sind.
Das ist so authentisch, dass man an so etwas wie ein Konzept oder einen Handlungsbogen gar nicht mehr denkt.
Dass nicht alles wahr ist, dass hier auch Fiktives eingebunden wurde, das es sogar ein Kapitel gibt, in dem der Leser spielerisch zwischen verschiedenen fantastischen Handlungssträngen entscheiden soll, tut dem keinen Abbruch.
Besonders prägnant sind Stanišićs Gedanken über die Kraft der Sprache: über die Türen, die sie öffnet, über die Möglichkeiten, die sie bietet. Besonders für den, der in der Fremde leben muss.
Das Hörbuch, vom Autor selber gesprochen, ist übrigens eine wunderbare Ergänzung zur Lektüre, wenn auch meines Erachtens kein Ersatz, da das Hörbuch leicht gekürzt ist! Aber man kann das Buch wunderbar erst lesen, dann hören – oder umgekehrt.
Fazit:
„Herkunft“ ist weder hunderprozentig Autobiographie noch hunderprozentig Roman. Der Held heißt Saša Stanišic, die Handlung beruht zweifelsohne auf der Familiengeschichte des Autors, doch er erlaubt sich gewisse Freiheiten – wobei man nie so genau weiß, was nicht doch wahr ist.
Auf jeden Fall habe ich selten so oft gelacht wie beim Lesen dieses Buches, obwohl es hier um Krieg und Vertreibung, Verlust der Heimat, Unverständnis und Fremdenhass geht. Der Humor lässt die ernsten Elemente der Erzählung nur umso deutlicher hervortreten.
Dass einem Autor aus Višegrad dieser Preis nur wenige Tage überreicht wird, nachdem ein anderer Autor, der die Massaker in Višegrad lange beschönigte, den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt da fast wie ein absurder Epilog.

Diese Rezension erschien zunächst in meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-sasa-stanisic-herkunft/