Maschinen wie ich (Buch)

Roman

Ian McEwan

Übersetzung: Bernhard Robben

Buch
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Charlie ist ein sympathischer Lebenskünstler Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen 'Adam' geliefert bekommt, einen der ersten... (weiter)

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Künstliche Intelligenz - Bedrohung oder Chance?
»Was liest Du?«-Rezension von parden, am 26.06.2019

London, 1982: Großbritannien hat gerade den Falkland-Krieg verloren, und dank der Forschung von Alan Turing gibt es Anfang der achtziger Jahre schon Internet, Handys und selbstfahrende Autos - und die ersten täuschend echten künstlichen Menschen. Charlie, ein sympathischer Lebenskünstler Anfang dreißig, ist seit seiner Kindheit von künstlicher Intelligenz fasziniert, Turing ist sein Idol. Auch wenn es ihn ein kleines Vermögen kostet, kauft er sich sofort einen der ersten Androiden, die auf den Markt kommen. Charlie wünscht sich einen Freund, einen Helfer, einen interessanten Gesprächspartner. Er erhält viel mehr als das: einen Rivalen um die Liebe der schönen Miranda und eine moralische Herausforderung, die ihn bis zum Äußersten reizt.


Charlie hätte eigentlich lieber eine 'Eve' gehabt, aber die waren schon ausverkauft. Doch auch der 'Adam' verspricht eine gehörige Veränderung in seinem Leben, das bislang von wenig konstanten Berufs- und Liebeserfahrungen geprägt ist. Mit seinen gerade einmal dreißig Jahren hat Charlie seinen Weg noch nicht so recht gefunden, ist aber heimlich in seine Nachbarin Miranda verliebt. Charlie erhofft sich, dass sich die Beziehung zu Miranda positiv entwickelt, wenn er sie in das Abenteuer 'Adam' mit einbezieht. Gemeinsam programmieren sie daher die letzten gewünschten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen des Androiden, bevor dieser tatsächlich an den Start geht.

Zu Beginn ahnt Charlie nur, welch ein Potential in Adam steckt, doch nach und nach zeigt sich das Spektrum, bei dem der Androide brilliert. Nachts wird er an das Stromnetz angeschlossen, das gleichzeitig den Zugang zum Internet ermöglicht - und in einem schlafähnlichen Zustand versorgt sich Adam so nicht nur mit der notwendigen Energie, sondern auch mit immer mehr Informationen. Sein neuronales Netz verzweigt und verknüpft sich zunehmend, und bald schon hat er auch sein Verhalten so angepasst, dass er von einem Menschen kaum noch zu unterscheiden ist. Als sich Adam dann auch noch in Miranda verliebt, sieht Charlie größere Probleme auf sich zukommen.


Natürlich beschränkt Ian McEwan das Geschehen nicht allein auf die Triangularität der Liebesbeziehungen. Dies ist nur ein kleiner Aspekt der Themen, die hier einfließen. Er präsentiert die Möglichkeiten, die eine gut entwickelte künstliche Intelligenz bietet - aber eben auch die damit verbundenen Schwierigkeiten, womöglich gar Gefahren. Denn deutlich wird rasch: Adam ist Charlie hinsichtlich Intelligenz und Kraft bald schon weit überlegen.

Ein besonderes Dilemma bietet bei der Erzählung die Emotionalität. Während Charlie und Miranda in ihrem Handeln und ihren Entscheidungen oftmals (menschlich eben) von ihren Emotionen und einer gewissen Moralvorstellung beeinflusst werden, orientiert sich Adam rein rational. Richtig ist richtig und falsch ist falsch, und dazwischen gibt es nichts. Mögliche Konsequenzen erkennt der Androide zwar, aber diese beeinflussen - wie auch immer sie ausfallen - seine Entscheidungen nicht. Das Zusammenleben der drei gerät durch diese Unterschiedlichkeit doch einige Male in gehörige Schieflage.

McEwan gelingt es, dass der Leser Charlie in seinen Empfindungen Adam gegenüber sehr empathisch folgt. Anfangs gleichermaßen fasziniert wie befremdet, schleicht sich allmählich das Gefühl einer möglichen Bedrohung ein. Wenn die künstliche Intelligenz wie bei Adam so rasant an Wissen und Können hinzugewinnt und bald schon alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt - wird der Mensch dann nicht überflüssig? Und dann kommt ein Moment des Staunens und des Innehaltens - gefolgt von einem Gefühl von Wehmut und Nachdenklichkeit. Die Erzählung entwickelte sich jedenfalls eindeutig anders als ich es vorher erwartet hatte - grandios.


Der Autor hat hier eine dystopische Science Fiction in die Vergangenheit katapultiert, nämlich ins Jahr 1982. Dadurch kommt dem Leser vieles bekannt vor, durch die veränderte historische Entwicklung, die McEwan hier aber präsentiert, gleichzeitig auch wieder nicht. Alan Turing beispielsweise, der seinerzeit einen großen Teil der theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie schuf, dann aber aufgrund einer chemischen Kastrierung wegen seiner Homosexualität in Depressionen verfiel und sich 1954 schließlich umbrachte, wird von McEwan als wichtigster Entwickler der künstlichen Intelligenz ins Jahr 1982 transportiert und gesteht ihm immer wieder einmal einen Auftritt zu.


"Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen besteht die einzige Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu setzen, in der kompletten Auslöschung der Menschheit." (S. 95 f.)



Neben dem spannenden Experiment KI beschäftigt sich der Autor - zuweilen doch recht essayhaft - mit moralisch-philosophischen Fragestellungen, die sich bei der Beschäftigung mit dem Thema KI fast zwangsläufig aufdrängen. Was macht einen Menschen zum Menschen, wo ist die Grenze Mensch-Maschine anzusiedeln beim Thema KI, ist der Mensch irgendwann einmal überflüssig und wird durch seine eigene Erfindung abgeschafft, was ist richtig und was ist falsch, kann man Lügen lernen, kann ein künstlicher Mensch Emotionen empfinden u.v.m.? Spannende Fragen, mit denen der Autor auch für den Leser reichlich Denkanstöße bereithält.

Gleichzeitig lässt McEwan durch die Verlegung der Erzählung in die Vergangenheit auch viele gesellschaftskritische Elemente einfließen. Die Thatcher-Regierung, der Falkland-Krieg, die mögliche Abspaltung Großbritanniens von Europa - viele auch aktuell kritische Bezüge, die das ganze für mich zuweilen ein wenig überladen wirken ließen, McEwan aber offensichtlich ein großes Anliegen waren. Manche Passagen in dem Roman waren mir persönlich auch zu technik-/wissenschaftslastig, da ich mich mit der Materie KI ansonsten nicht beschäftige.

Alles in allem ein beeindruckender Roman mit viel Stoff zum Nachdenken. Hier schlägt man nicht das Buch zu und gut ist - hier hallt etwas nach. Viele Fragen werden aufgeworfen - moralisch, ethisch, gesellschaftlich -, auf die es keine wirklichen Antworten gibt. Und das macht unruhig...

McEwan hat mit diesem Roman einmal mehr sein großes Können gezeigt!

© Parden

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Und hier noch - mal abseits vom Buch - eine interessante Dokumentation zum Thema KI:
 

„Maschinen wie ich“ kommt meiner Meinung nach nicht an seiner früheren Werke heran
»Was liest Du?«-Rezension von Winfried Stanzick, am 26.06.2019

Ian McEwan, Maschinen wie ich, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07068-2

 

Ian McEwan, der 1948 geborene britische Erfolgsschriftsteller, von dem zwei Romane (zuletzt „Kindeswohl“ mit Emma Thompson) erfolgreich verfilmt wurden, hat mit seinem neuen Roman „Maschinen wie ich“ eine literarische Dystopie vorgelegt, in der er sich neben vielen anderen Themen, die er anschneidet, mit der Frage der künstlichen Intelligenz beschäftigt.

 

Sein Ich-Erzähler ist Charlie, ein durchaus sympathischer junger Mann Anfang dreißig, der in seinem bisherigen Leben neben einem Studium der Anthropologie so manche, meist gescheiterte berufliche Stadien hinter sich gebracht hat. Er interessiert sich schon lange für künstliche Intelligenz. Als nun im 1982 (McEwan verlegt die Handlung seines Buches in dieses Jahr, warum blieb mir unklar) die ersten echten lebensechten Androiden verkauft werden, investiert er sein ganzes Erbe und kauft sich einen „Adam“. Die ebenfalls angebotenen „Eves“ waren schon ausverkauft.

 

Charlie hat eine jüngere Nachbarin namens Miranda. Gerade als Adam geliefert wird, ist Charlie dabei, sich in Miranda zu verlieben, und so kommt es, dass es in ihrer jungen Beziehung von Anfang an einen Dritten gibt: Adam.

 

Kann, so überlegen die beiden, eine Maschine (nichts anderes ist ja Adam doch wohl)denken, kann sie leiden, ja kann sie auch lieben? Bald stellt sich heraus, dass sie das sehr wohl kann, und Adams Gefühle und moralische Prinzipien, auf die Charlie ihn vorher nach einem dicken Handbuch programmiert hat, bringen das junge Liebespaar Charlie und Miranda in viele ungeahnten und auch verhängnisvolle Situationen.

 

Adam lernt schnell, weil er auf sämtliches Wissen zugreifen kann, das in den vielen Online-Datenbanken verfügbar ist, auf die er mit seinem fast unbegrenzten Speicher zugreift. Schon nach kurzer Zeit ist Adam kaum noch von einem Menschen zu unterscheiden und hat seinen nicht dummen Besitzer sowohl intellektuell als auch kräftemäßig überflügelt.

 

Soweit so gut. Als jedoch Adam sich in Miranda verliebt, beginnen unlösbar scheinende Probleme.

 

Wie schon in früheren Romanen hat Ian McEwan auch in „Maschinen wie ich“ neben seinem Hauptthema, dem Zusammenleben zwischen fehlbarem Mensch und unfehlbar logisch handelnder Maschine, noch viele andere Themenstränge in seinen Roman hineingepackt.  Es geht unter anderem um den Falkland-Krieg, um Margaret Thatcher und um viele weitere philosophische und literarische Themen, die er oft nur in Anspielungen erwähnt.

 

Der Roman wirkt dadurch im Gegensatz zu früheren Werken  leicht überladen, liest sich bei aller sprachlichen Brillanz des Autors etwas schwerfällig.  Was er mit seiner Dystopie wirklich zum Ausdruck bringen möchte, die Botschaft des Romans also, ist mir an vielen Stellen unzugänglich geblieben, was den Lesegenuss seines neuen Buches für mich geschmälert hat. „Maschinen wie ich“ kommt meiner Meinung nach nicht an seiner früheren Werke heran.