Maschinen wie ich

Maschinen wie ich (Buch)

Roman

Ian McEwan

Übersetzung: Bernhard Robben

Buch
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Charlie ist ein sympathischer Lebenskünstler Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen 'Adam' geliefert bekommt, einen der ersten... (weiter)

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Großartig und befremdlich
»Was liest Du?«-Rezension von Yvonnen, am 09.07.2019

Ian McEwan erfindet in „Maschinen wie ich“ die Vergangenheit neu: Großbritannien hat 1982 gerade den Falkland-Krieg verloren, die Beatles musizieren vereint und dank der Forschung von Alan Turing gibt es bereits Internet, Handys und selbstfahrende Autos – und die ersten täuschend echten künstlichen Menschen, namens Adam oder Eve.

Auch wenn es ihn ein kleines Vermögen kostet, kauft Charly, ein Lebenskünstler Anfang dreißig, sich sofort einen der ersten Androiden, die auf den Markt kommen. Charlie wünscht sich einen Freund, einen Helfer, einen interessanten Gesprächspartner.

„Die Wärme der Haut, darunter die festen, doch elastischen Muskeln – mein Verstand sagte Plastik oder Ähnliches, meine Hand aber reagierte auf Haut und Fleisch.“ (S. 19)

Doch Charlie erhält mit dem Androiden Adam viel mehr als das: einen Rivalen um die Liebe der schönen Miranda , einer cleveren Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss – und eine moralische Herausforderung, die ihn bis zum Äußersten reizt. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte – und verhängnisvolle – Situationen.

„Wie schon Schopenhauer über den freien Willen sagte, kann man wohl tun, was man will, aber man kann nicht wollen, was man will. Außerdem weiß ich, es war deine Idee, dass sie mithilft, dass ihr mich gemeinsam zu dem macht, was ich bin. Letzten Endes bist du also selbst für diese Situation verantwortlich.“ (S. 163)

Ian McEwan hält uns in diesem so philosophischen wie fesselnden Roman einen doppelten Spiegel vor – als Menschen und als Zeitgenossen sehen wir uns darin zuweilen klarer, als uns lieb ist.

„Wir erschaffen Maschinen mit Intelligenz und Bewusstsein und stoßen sie hinaus in unsere unvollkommene Welt. Sie sind nach rein rationalen Grundsätzen geschaffen, anderen Menschen gegenüber positiv eingestellt, und nun wird ihr Verstand von einem Hurrikan von Widersprüchen erfasst. Wir selbst haben damit zu leben gelernt, und die Liste ödet uns an: Millionen sterben an Krankheiten, die wir heilen können. Millionen leben in Armut, obwohl es genug für alle gibt. Wir zerstören unsere Biosphäre, obwohl wir wissen, dass sie unsere einzige Heimat ist. Wir bedrohen uns gegenseitig mit Atomwaffen, auch wenn wir wissen, wohin das führen kann. Wir lieben Lebendiges, lassen aber massenhaftes Artensterben zu. Und dann der ganze Rest – Genozid, Folter, Versklavung, häusliche Gewalt bis hin zum Mord, Kindesmissbrauch, Schießereien in Schulen, Vergewaltigungen, tagtäglich eine schier endlose Zahl skandalöser Greueltaten. Wir leben mit all diesen Grausamkeiten und sind nicht mal erstaunt, wenn wir trotzdem unser Glück, sogar die Liebe finden. Künstliche Intelligenzen sind da weniger gut geschützt.“ (S. 242)

Und genau auf diesen mangelnden Schutz reagieren die Androiden auf ihre eigene tragische Weise, so dass man sich als Leser die Frage stellen darf, ob künstliche Intelligenzen mit eigenem Bewusstsein überhaupt überlebensfähig in einer menschlichen Gesellschaft sein können und ab welchem Zeitpunkt es sich bei den Androiden um schützenswertes Leben handeln könnte, selbst wenn diese hochkomplexe mit Intelligenz und Moral ausgestattete vielschichtige Lebensform sich regelmäßig über ein im Bauchnabel eingestöpseltes Ladekabel mit dem Stromnetz verbindet. Ich fand es großartig und zugleich befremdlich, wie der Autor den Androiden Leben einhaucht und sie agieren lässt. Und diese Zerrissenheit zwischen Bewunderung, Abscheu und manchmal auch ein wenig Mitleid sorgt beim Lesen für eine besondere Art der Spannung, die nicht von rasantem Geschehen sondern vielmehr von der unheilvollen Stimmung des Romans lebt und nachdenklich macht.

Auch wenn mich Ian McEwans Umkehrung der Zeitgeschichte beim Lesen oft verwirrte und mich aus meinem Lesefluss herausriss oder aufgrund von mangelhaftem Wissen in englischer Geschichte und englischer Politik sogar langweilte, hat sie doch im nachhinein betrachtet durchaus ihre Berechtigung um die entsprechenden Voraussetzungen dieses Romans zu schaffen. Insgesamt war dies für mich jedoch zu viel Drumherum, auch wenn der Autor sicherlich stellenweise seine helle Freude am Umschreiben der Geschichte gehabt haben muss. Lieber las ich hingegen die Passagen über Charlie, Miranda und vor allem Adam, weshalb ich diesen Roman Lesern empfehlen kann, die interessanten und grenzwertigen Gedankengängen über künstliche Intelligenz folgen möchten.

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen die wahre Herrlichkeit des Denkens zeigen, die exquisite Logik, Schönheit und Eleganz der Lösung des P-NP-Problems und die inspirierende Arbeit von vielen tausend guten, klugen, engagierten Männern und Frauen, die diese neuartige Intelligenz erst ermöglich hat. Das würde Sie mit Hoffnung für die Menschheit erfüllen. Aber in all ihren tollen Programmcodes gibt es nichts, was Adam und Eve auf Auschwitz vorbereiten könnte.“ (S. 243)

Künstliche Intelligenz - Bedrohung oder Chance?
»Was liest Du?«-Rezension von parden, am 26.06.2019

London, 1982: Großbritannien hat gerade den Falkland-Krieg verloren, und dank der Forschung von Alan Turing gibt es Anfang der achtziger Jahre schon Internet, Handys und selbstfahrende Autos - und die ersten täuschend echten künstlichen Menschen. Charlie, ein sympathischer Lebenskünstler Anfang dreißig, ist seit seiner Kindheit von künstlicher Intelligenz fasziniert, Turing ist sein Idol. Auch wenn es ihn ein kleines Vermögen kostet, kauft er sich sofort einen der ersten Androiden, die auf den Markt kommen. Charlie wünscht sich einen Freund, einen Helfer, einen interessanten Gesprächspartner. Er erhält viel mehr als das: einen Rivalen um die Liebe der schönen Miranda und eine moralische Herausforderung, die ihn bis zum Äußersten reizt.


Charlie hätte eigentlich lieber eine 'Eve' gehabt, aber die waren schon ausverkauft. Doch auch der 'Adam' verspricht eine gehörige Veränderung in seinem Leben, das bislang von wenig konstanten Berufs- und Liebeserfahrungen geprägt ist. Mit seinen gerade einmal dreißig Jahren hat Charlie seinen Weg noch nicht so recht gefunden, ist aber heimlich in seine Nachbarin Miranda verliebt. Charlie erhofft sich, dass sich die Beziehung zu Miranda positiv entwickelt, wenn er sie in das Abenteuer 'Adam' mit einbezieht. Gemeinsam programmieren sie daher die letzten gewünschten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen des Androiden, bevor dieser tatsächlich an den Start geht.

Zu Beginn ahnt Charlie nur, welch ein Potential in Adam steckt, doch nach und nach zeigt sich das Spektrum, bei dem der Androide brilliert. Nachts wird er an das Stromnetz angeschlossen, das gleichzeitig den Zugang zum Internet ermöglicht - und in einem schlafähnlichen Zustand versorgt sich Adam so nicht nur mit der notwendigen Energie, sondern auch mit immer mehr Informationen. Sein neuronales Netz verzweigt und verknüpft sich zunehmend, und bald schon hat er auch sein Verhalten so angepasst, dass er von einem Menschen kaum noch zu unterscheiden ist. Als sich Adam dann auch noch in Miranda verliebt, sieht Charlie größere Probleme auf sich zukommen.


Natürlich beschränkt Ian McEwan das Geschehen nicht allein auf die Triangularität der Liebesbeziehungen. Dies ist nur ein kleiner Aspekt der Themen, die hier einfließen. Er präsentiert die Möglichkeiten, die eine gut entwickelte künstliche Intelligenz bietet - aber eben auch die damit verbundenen Schwierigkeiten, womöglich gar Gefahren. Denn deutlich wird rasch: Adam ist Charlie hinsichtlich Intelligenz und Kraft bald schon weit überlegen.

Ein besonderes Dilemma bietet bei der Erzählung die Emotionalität. Während Charlie und Miranda in ihrem Handeln und ihren Entscheidungen oftmals (menschlich eben) von ihren Emotionen und einer gewissen Moralvorstellung beeinflusst werden, orientiert sich Adam rein rational. Richtig ist richtig und falsch ist falsch, und dazwischen gibt es nichts. Mögliche Konsequenzen erkennt der Androide zwar, aber diese beeinflussen - wie auch immer sie ausfallen - seine Entscheidungen nicht. Das Zusammenleben der drei gerät durch diese Unterschiedlichkeit doch einige Male in gehörige Schieflage.

McEwan gelingt es, dass der Leser Charlie in seinen Empfindungen Adam gegenüber sehr empathisch folgt. Anfangs gleichermaßen fasziniert wie befremdet, schleicht sich allmählich das Gefühl einer möglichen Bedrohung ein. Wenn die künstliche Intelligenz wie bei Adam so rasant an Wissen und Können hinzugewinnt und bald schon alle menschlichen Möglichkeiten übersteigt - wird der Mensch dann nicht überflüssig? Und dann kommt ein Moment des Staunens und des Innehaltens - gefolgt von einem Gefühl von Wehmut und Nachdenklichkeit. Die Erzählung entwickelte sich jedenfalls eindeutig anders als ich es vorher erwartet hatte - grandios.


Der Autor hat hier eine dystopische Science Fiction in die Vergangenheit katapultiert, nämlich ins Jahr 1982. Dadurch kommt dem Leser vieles bekannt vor, durch die veränderte historische Entwicklung, die McEwan hier aber präsentiert, gleichzeitig auch wieder nicht. Alan Turing beispielsweise, der seinerzeit einen großen Teil der theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie schuf, dann aber aufgrund einer chemischen Kastrierung wegen seiner Homosexualität in Depressionen verfiel und sich 1954 schließlich umbrachte, wird von McEwan als wichtigster Entwickler der künstlichen Intelligenz ins Jahr 1982 transportiert und gesteht ihm immer wieder einmal einen Auftritt zu.


"Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen besteht die einzige Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu setzen, in der kompletten Auslöschung der Menschheit." (S. 95 f.)



Neben dem spannenden Experiment KI beschäftigt sich der Autor - zuweilen doch recht essayhaft - mit moralisch-philosophischen Fragestellungen, die sich bei der Beschäftigung mit dem Thema KI fast zwangsläufig aufdrängen. Was macht einen Menschen zum Menschen, wo ist die Grenze Mensch-Maschine anzusiedeln beim Thema KI, ist der Mensch irgendwann einmal überflüssig und wird durch seine eigene Erfindung abgeschafft, was ist richtig und was ist falsch, kann man Lügen lernen, kann ein künstlicher Mensch Emotionen empfinden u.v.m.? Spannende Fragen, mit denen der Autor auch für den Leser reichlich Denkanstöße bereithält.

Gleichzeitig lässt McEwan durch die Verlegung der Erzählung in die Vergangenheit auch viele gesellschaftskritische Elemente einfließen. Die Thatcher-Regierung, der Falkland-Krieg, die mögliche Abspaltung Großbritanniens von Europa - viele auch aktuell kritische Bezüge, die das ganze für mich zuweilen ein wenig überladen wirken ließen, McEwan aber offensichtlich ein großes Anliegen waren. Manche Passagen in dem Roman waren mir persönlich auch zu technik-/wissenschaftslastig, da ich mich mit der Materie KI ansonsten nicht beschäftige.

Alles in allem ein beeindruckender Roman mit viel Stoff zum Nachdenken. Hier schlägt man nicht das Buch zu und gut ist - hier hallt etwas nach. Viele Fragen werden aufgeworfen - moralisch, ethisch, gesellschaftlich -, auf die es keine wirklichen Antworten gibt. Und das macht unruhig...

McEwan hat mit diesem Roman einmal mehr sein großes Können gezeigt!

© Parden

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Und hier noch - mal abseits vom Buch - eine interessante Dokumentation zum Thema KI: