Mittagsstunde (Buch)

Roman. Ausgezeichnet mit dem Rheingau Literaturpreis 2019

Buch
Für Bewertung bitte einloggen!

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.

€ 22,00 *
Preis
inkl MwSt.

Auch erhältlich als:
eBook EPUB 19,99
  • sofort lieferbar
  • portofreie Lieferung innerh. Deutschland
  • Geschenkverpackung möglich

Gesamtmeinung:
Ø4.7 | 61 Meinungen
davon Rezensionen:
Ø 4.8 |  24 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.7 |  37 Bewertungen

5 Sterne
( 18 )
4 Sterne
( 4 )
3 Sterne
2 Sterne
1 Stern

Alle Bewertungen mit 5 Sternen ( alle anzeigen )
Zurück zum Artikel
Nur der Wind bleibt gleich
»Was liest Du?«-Rezension von mapefue, am 06.08.2019

Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, technischer Fortschritt, vermeintlich Moderne und „back tot he roots“ ist allen Lesern geläufig, aber das WIE, wie es von Hansen in Wortform gegossen wird ist herausragend. Hansen seziert das Dorf, die Gesellschaft, die Menschen im Stile einer peniblen Gerichtsmedizinerin unbarmherzig und schonungslos, während andere Augen, Nase und Mund verschließen. Keine Spur von Sentimentalität oder nostalgisch romantische Verklärung, fast schmerzt die unfassbare Direktheit. Man hätte vielleicht einen verklärten Rückblick erwartet, aber nichts von dem. In jede Wunde wird nicht einen Finger gesteckt, sondern zwei. Fossilien fürs nächste JT.

Ich liebe Ingwer, getrocknet als Tee, nicht pur, sondern mit grünem Darjeeling. Ingwer hat etwas von mir - ich bin auch ein Fensterputzerfan. Wenn man Hansen heißt, dann muss man solche Bücher schreiben. Wie Thomas Bernhard. Meinen nächsten Urlaub mache ich in Nordfriesland.

„The Times They Are A-Changin' „, der neue Header. Elegie und Melancholie bis zum geht nicht mehr. Hansen schildert den Pflegealltag von Ingwer bei Ella und Sönke. Der Leser erschrickt wie treffend und pointiert die Realität beschrieben wird. Jeder Richter müsste Verständnis für einen Pfleger haben, wenn dieser „durchdreht“ – er muss ja nicht gleich zum Killer werden.

Ingwer (48 Jahre) sinniert während der Ganzkörperpflege von Sönke über sein Leben: Zweieinhalb Jahre in einer Dreier-WG mit Claudius und Ragnhild (50, rat gebende Kämpferin oder herrschende Göttin - sucht’s euch aus). Drei verlorene Seelen - fossilisiert. Ein Fressen für Psychologiestudenten, eine nichtteilnehmende Beobachtung mit „open end.“

Das „Platt“ hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die Gesellschaft hat sich verändert, der Wind ist immer noch der gleich, ein literarisches Meisterwerk.

Ein starker Roman
»Was liest Du?«-Rezension von wbetty77, am 26.07.2019

Ingwer hat das Dorf und die Gastwirtschaft verlassen, als er zum Studium nach Kiel zog. Dort lebt seit über 20 Jahren in der gleichen WG. Nun ist er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Für ihn sind es seine Eltern. Sein Vater kennt niemand und seine Mutter hat Ingwer zeitlebens als Schwester wahrgenommen. Marrett, meist der Welt entrückt, wundersam gekleidet, predigte ständig den Untergang und sang leidenschaftlich die Schlager der 1960iger Jahre. Bis heute verfolgt Ingwer das schlechte Gewissen, weil er gegangen ist und sich gegen ein Leben als Gastwirt entschieden hat.

So kommt Ingwer in das Dorf seiner Kindheit, in dem nichts mehr so ist ,wie damals war, nicht einmal die Stille der Mittagsstunde. Dieses Jahr wird für Ingwer eine Rückbesinnung auf die wesentliche Dinge, in dem er sein eigenes Leben neu sortiert.

Dörte Hansen Debütroman „Altes Land“ hat mich schon begeistert. Nun nimmt sie den Leser mit in eine Zeit, die fast ausgestorben ist und dennoch immer noch spürbar. Die pointiert eingestreuten, plattdeutschen Sätze, geben den Roman eine ehrliche und humorvolle Note. Ich habe mich in Brinkebüll ausgesprochen wohl gefühlt. Außerdem erinnerte ich vieles aus meiner eigenen ländlichen Kindheit, die ich zwar nicht in Friesland verbrachte und auch ca. 20 Jahre später, doch ich gab es damals den Dorfladen, die Fleischerei und die nicht betonierten Bauernhöfe. Alles längst nicht mehr da.

Die sorgsame Entwicklung der Charaktere ist der Autorin ganz fabelhaft gelungen. Die Geschichte wechselt zwischen dem Jetzt und dem Damals ohne das man als Leser den faden verliert. Man wird eingemeindet als ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Mir hat das Lesen sehr viel Freude bereitet und nach dem letzten Satz kam Wehmut auf. Ich wäre gerne noch geblieben. Oder es mit Heidi Brühl zu sagen: „Wir wollen niemals auseinandergehen...“