Unterleuten (Buch)

Roman. Nominiert für die Shortlist zum 'Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels' 2016

Buch
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Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von... (weiter)

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Details
AutorIn Juli Zeh
Seiten 639
EAN 9783630874876
Sprache deutsch
erschienen bei Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum 08.03.2016
Stichwörter Gesellschaftsroman
Spiegel-Bestseller
Deutschland
Brandenburg
Provinz
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.4 | 109 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 4.5 |  42 Rezensionen
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Zu überspitzt und voller Klischees
»Was liest Du?«-Rezension von jenvo82, am 05.07.2019

„Unterleuten ist ein Gefängnis.“

 

Inhalt

 

In Unterleuten, einer kleinen beschaulichen Ortschaft in Brandenburg bricht die Hölle los, nachdem es um die Etablierung eines ökologisch sinnvollen Windparks geht, zu dem es mehr als geteilte Meinungen gibt. Für die Effizienz dieser erneuerbaren Energiequelle hat die Firma Vento Direct, die dort bauen möchte, ein Stück Land auserwählt, welches mehrgeteilt ist und insgesamt drei verschiedenen Eigentümern gehört. Und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, ob sich der Bürgermeister oder die Vogelschützer oder der Chef der Agrargenossenschaft durchsetzen werden. Auf dem Weg dorthin jedoch, gerät die läppische Windpark-Frage fast in Vergessenheit, denn sie ist nichts weiter als der Aufhänger für jahrzehntelange Missstände zwischen den alteingesessenen Bewohnern, den Zugezogenen und all jenen, die aus ganz verschiedenen Gründen immer noch oder schon wieder in Unterleuten leben. Und so taucht man immer tiefer in ein weit verzweigtes Netz aus Gefälligkeiten und Feindschaften ein, bei dem deutlich wird, welch massive Probleme im Dunkeln schlummern. Die Parzelle Dorf agiert letztlich als ein Spiegel der Gesellschaft, in dem sich jeder selbst am nächsten steht und keiner bereit ist, ein offenes Gespräch zu führen …

 

Meinung

 

Prinzipiell lese ich die Romane der deutschen Autorin Juli Zeh ganz gerne, ihre Art zu erzählen und Geschichten zum Leben zu erwecken gefällt mir. Und so bin ich auch voller Vorfreude an die Lektüre von „Unterleuten“ gegangen. Tatsächlich hat mir der erste Teil des Buches auch wesentlich besser gefallen als der Rest. Zwar wird man zu Beginn mit allerlei Protagonisten konfrontiert, die eine bis dato unbekannte Vorgeschichte haben und deshalb auch nicht so leicht auseinanderzuhalten sind, doch diese Verwirrung gibt sich ziemlich schnell. Der Grund dafür sind die klaren Charakterzeichnungen, die Frau Zeh ihren Personen gibt. Auch die diversen Fallen und Nischen, die eine Dorfgemeinschaft ausmachen trifft sie ungemein gut, so dass ich mich gut unterhalten fühlte.

 

Ab gut der Hälfte des Buches wird es dann zunehmend uninteressant und leider viel zu langatmig. Die brisante Thematik einer geplanten Windkraftanlage rückt immer weiter in den Hintergrund, dafür geht die Reise in Richtung zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten. Nach und nach offenbaren sich die wahren Charaktere, die unschönen Seiten der Dorfgemeinde, ihre nie enden wollenden Zwistigkeiten, die sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher Natur sind. Ab diesem Zeitpunkt verschenkt die im Ansatz gute Geschichte ihr Potential. Es kommen immer neue Zweckverbindungen zwischen den langjährigen Gemeindemitgliedern und den Neuzugängen zu Stande, wer zunächst unvoreingenommen war, bezieht nun Stellung, wer nichts zu sagen hat, spielt sich auf und bei mir verstärkt sich der unschöne Eindruck, dass die Unterleutener wirklich jedes Klischee erfüllen sollen, um der Geschichte die entsprechende Note zu verleihen.

 

Zugegeben, die letzten 100 Seiten habe ich mehr quergelesen, da ich mir fast sicher war, welches Ende es mit den Menschen und Ereignissen dort haben wird. Auch der anfängliche Humor hat für mich in der Folge sehr eingebüßt, weil er nicht mehr spontan wirkte, sondern aufgesetzt witzig. Vielleicht wäre der Roman besser gewesen, wenn man die Handlung auf die Hälfte der Seitenzahl gekürzt hätte, sich weniger auf die detaillierte Zersetzung einer kleinen Gemeinschaft konzentriert hätte und wenigstens einen Sympathieträger eingebaut hätte. Es fällt mir schwer, eine weitreichende Aussage aus der Thematik zu ziehen. Einerseits habe ich das Gefühl einen Unterhaltungsroman gelesen zu haben, andererseits hätte ich mir eine ganz andere Art von Geschichte gewünscht – keine entführten Kinder, keine Rauchschwaden auf dem Nachbargrundstück, keine internen Absprachen, die es angeblich jedem ermöglichen sollen, seine Ziele zu erreichen sondern einfach Menschen, die vorbehaltlos die Kommunikation suchen und sich weniger um ihr eigenes Miniterritorium kümmern.

 

Fazit

 

Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen Dorfroman mit gesellschaftskritischer Note, der in seinem Verlauf leider viel Potential eingebüßt hat. Natürlich liest sich auch dieser Text sehr flüssig und gut. Die schriftstellerische Feinarbeit ist durchaus spürbar, die Gedankengänge greifbar. Nur die sich immer weiter zuspitzende Gesamtsituation lässt mich ratlos zurück. Ganz klar, dieses Buch hätte für mich einen höheren Wert gehabt, wenn der Schwenk in eine andere Richtung verlaufen wäre. So empfand ich die Auswahl an Menschen, ihre gutgemeinten oder rigorosen Vorhaben und deren Umsetzung einfach nur bitter und stellenweise so egozentrisch, wie dumm. Und zu allem Überfluss tritt man dadurch auf der Stelle und selbst die positiven Seiten des Romans verblassen hinter all den bunt gestreuten Klischees.

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Psychogramm eines Dorfs
»Was liest Du?«-Rezension von Naddiwise, am 28.10.2018

Unterleuten ist ein fiktives Dorf in Brandenburg.
Hier lebt man noch halbwegs im Einklang mit der Natur, jeder kennt jeden; niemand kann irgendetwas tun, ohne dass die Nachbarn davon Wind bekommen und sich eine entsprechende Meinung zu bilden. Nach der Wende sollte alles besser werden, doch einige Unterleutner können nach wie vor nichts mit dem Gedanken der Demokratie anfangen. 
Damals war immerhin alles besser!

Juli Zeh hat ein wunderbares Panorama geschaffen, in dem sich völlig unterschiedliche Charaktere verschiedener Generationen treffen, anfeinden, helfen und austricksen.
Auf der einen Seite haben wir eine junge Frau, die ein altes Gutshaus renovieren und einen Pferdehof eröffnen will. 
Auf der anderen Seite ist der ältliche ehemalige Dozent mit seiner sehr viel jüngeren Frau, der sich für den Artenschutz des Vogelbestandes in Unterleuten einsetzt und diverse Baumaßnahmen scheinbar schon aus Prinzip verbieten lässt.
Als dann noch ein Jüngling aus der Stadt kommt und verkündet, einen Windpark in die Unterleutner Wildnis bauen lassen zu wollen, flippt das ganze Dorf aus.
Die alten Landwirte wittern sofort gegenseitige Verschwörungen und beschuldigen ihre Nachbarn wild der Verrats an der Allgemeinheit.
Es kommt zu Handgreiflichkeiten, verbalen Auseinandersetzungen und überlaufenden Abwassergruben.

Dieser launige Gesellschaftsroman gibt an einigen Stellen Grund zum Lachen, lässt den Leser aber auch regelmäßig ungläubig den Kopf schütteln. 
Das Beste und das Schlechteste im Menschen tritt an ungeahnten Stellen zum Vorschein.

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Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist ... Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Zeh, Juli Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.