Widerfahrnis (Buch)

Eine Novelle. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2016

Buch
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Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das... (weiter)

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Details
AutorIn Bodo Kirchhoff
Seiten 223
EAN 9783627002282
Sprache deutsch
erschienen bei Frankfurter Verlags-Anst.
Erscheinungsdatum 01.09.2016
Stichwörter Abtreibung - Abtreibung
Alter - Alter
Deutschland
Familie - Familie
Flüchtling
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø3.7 | 20 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 3.4 |  8 Rezensionen
davon Bewertungen:
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Nur schöne Sprache macht noch keinen guten Roman
»Was liest Du?«-Rezension von Yexxo, am 31.10.2017

Julius Reither, Ende 60, alleinstehend, hat seinen kleinen, eher erfolglosen Verlag und die dazugehörende Buchhandlung verkauft und sich in ein ruhiges schönes Tal nahe Österreich zurückgezogen. Eines Abends klopft es an seiner Tür - Leonie Palm steht davor, die ebenfalls in der Appartementanlage wohnt und um seine Mithilfe bei einem Literaturkreis bittet. Spontan aus dem Gespräch heraus entschließen sie sich mitten in der Nacht zu einem Ausflug, der sich zu einer Reise nach Sizilien entwickelt. Und zu einer Liebesgeschichte.
Doch das sind leider so ziemlich die einzigen Entwicklungen, die es in diesem Buch gibt. Der Protagonist ist ein überaus selbstmitleidiger Mensch mit pessimistischer Weltsicht und überheblichen Zügen. Auch seine Empathiefähigkeit ist sehr begrenzt: Oh ja, er setzt sich für Flüchtlinge ein, wenn diese drangsaliert werden und steckt ihnen Lebensmittel und Münzen zu. Doch sollen sie ihm bloß nicht zu nahe kommen und sein Leben stören. Selbst am Ende hatte ich den Eindruck, seine Handlungen resultieren mehr aus Pflichtgefühl als aus innnerer Überzeugung.
Natürlich kann auch eine unsympathische Hauptfigur das Thema eines guten Romanes sein, keine Frage. Doch die Sprache dieser 'Novelle' ist stellenweise so gekünstelt und gedrechselt, dass ich mich nur noch fragte: 'Was will der Autor mir damit sagen?' Inhaltlich vermutlich nichts, nur einen Beweis seiner grandiosen Ausdrucksfähigkeit vorlegen. Einige Beispiele: '... Liebesromanen, jeder Umschlag nur ein Leugnen, wie sehr das Begehren das Sein verbraucht ...'; ihm war auch das recht, alles, um von der Schneide des Augenblicks herunterzukommen ...'; Worte waren das wie herausgestemmt aus einem ganzen Packen ähnlicher Worte, einem Packen, der verklumpt, ...'. Es gibt auch wunderbare Sätze, die das Herausschreiben lohnen: 'Die Leute haben gespürt, dass ihre Gesichter zu leer waren für Hüte.'; '... das wahre Gebrechen, es sitzt in den Gedanken, nicht in den Knochen.'; Aber leider sind sie in der Unterzahl.
Es gibt einen Satz, der nicht nur das Wesen des Protagonisten darstellt, sondern auch sinnbildlich für das Buch steht: 'Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.' Dumm nur, dass genau diese Eigenschaften das Wunderbare der Liebe ausmachen. Und auch ein gutes Buch ;-)

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Ungewöhnlich
»Was liest Du?«-Rezension von Sassenach123, am 12.07.2017


[Widerfahrnis]

Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff

Rezension vom 09.11.2016(107)

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff

Da Bodo Kirchhoff mit dieser Novelle den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Im Vorfeld sah ich viele Lobeshymnen, aber auch sehr viele negative Kritiken. Also wollte ich mir mein eigenes Bild machen,allein schon des Titels wegen, den ich nicht greifen konnte. 

Julius Reither, ehemaliger Verleger, trennte sich von Verlag und allem aus seinem alten Leben, wohnt nun in einer überschaubaren Wohnanlage. Er geht auf die 70 zu, und hadert mit seinem Leben. Eine frühere Beziehung verlief schwierig und zehrt immer noch an ihm. Er wirkt verdrossen, sehr unnahbar. Sein Lebensinhalt besteht zur Zeit aus Büchern, seinen Zigaretten und hier da einem Gläschen des apullischen Weins, mit dem er so viel vergangenes verbindet. Als dann eine für ihn fremde Frau an seine Tür klopft, passiert das unfassbare. Die zwei beschließen mit dem Auto der Frau, Leonie Palm, eine Spritztour zu machen, mitten in der Nacht, ohne sich ansatzweise zu kennen. Diese Tour bringt die beiden dazu sich gegenseitig von ihrem Leben zu erzählen, und aus dem Trip wird eine Fahrt entlang der italienischen Küste. 

Bodo Kirchhoff fasst diese Geschichte zusammen, ohne wörtliche Rede zu nutzen. Dieses hat dann einen erzählenden Charakter, der zwar Gewöhnungsbedürftig ist aber nach kurzer Zeit hat man es verinnerlicht. Er erzählt aus Reithers Sicht, was manchmal etwas brüsk erscheint, es passt aber dennoch, da es für mich die Art, dieses Mannes, zu denken, näher brachte. Seine Gefährtin, oft einfach nur als " die Palm" bezeichnet, ist Reither nach kurzer Zeit schon sehr verbunden. Dies drückt er nicht direkt aus, mir als Leser wurde dies eher durch seine Handlungen klar, die an ein vertrautes Paar denken lassen. Es wirkt manchmal so, als wenn die beiden ihren unterdrückten Sehnsüchten freien Lauf lassen. Dabei spielt es nun an diesem Punkt keine Rolle, ob das was sie tun richtig oder falsch ist, sie tun es, weil es sich momentan richtig anfühlt. Und genau das ist es auch, was mich an dieser Novelle so fasziniert, vieles wird unterschwellig suggeriert. Der Leser muss zwischen den Zeilen lesen, dann trifft er auf Antworten zu den elementarsten Fragen. Sowohl Reither, als auch Leonie Palm, haben in ihrem Leben ständig das Gefühl gehabt, dass es anders hätte laufen müssen. Mit einigen Dingen findet man sich ab, einige Erlebnisse treten nur in den Hintergrund. Und über eben diese Geschehnisse entsteht die Basis, die zwischen den beiden entsteht. Auch wenn meist nur Fakten ausgetauscht werden, und echtes Gefühl wenig zum Thema gemacht wird, verbindet es die beiden. Vieles wird wahrgenommen, unterschwellig, durch Umschreibungen, durch Handlungen die die Protagonisten ausführen. 

Ein Thema, welches auch Erwähnung findet, ist das Flüchtlingsthema. Wollte der Autor etwas aktuelles in die Novelle einbringen? Denn für mich war es eher ein Aspekt neben dem Hauptgeschehen, dass auch ohne ausgekommen wäre. Das, oder ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Das überschattet für mich alles ein wenig. 

Kirchhoff ist in meinen Augen ein Autor, der sich eher an älteres Publikum richtet. Kann da nur von mir persönlich sprechen, aber ich hätte in jungen Jahren den Wert dieser Lektüre nicht erkannt. Vielleicht fehlt dem ein oder anderen auch, dass Gefühle nicht klar formuliert werden, mir machte es Spaß nach versteckten Wahrnehmungen zu suchen. Ob ein Buch gefällt oder nicht liegt ja immer im Sinne des Betrachters, und mir hat dieses Buch gefallen, allein schon wegen seiner Andersartigkeit.

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Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist ... Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. "Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung", sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, "jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben."

Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt seine von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierten Romane »Die Liebe in groben Zügen« (2012) und »Verlangen und Melancholie« (2014). Im Herbst 2016 wurde Kirchhoff für seine Novelle »Widerfahrnis« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Das Gesamtwerk Bodo Kirchhoffs erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt.