Widerfahrnis (eBook)

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Deutscher Buchpreis 2016! "Eines der schönsten Bücher des Herbstes: Bodo Kirchhoffs meisterhaft komponierte Novelle ›Widerfahrnis‹, ein poetologisches Kunststück." (Andreas Platthaus, FAZ) Reither, bis vor kurzem... (weiter)

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Details
AutorIn Bodo Kirchhoff
Edition 6
Seiten 224
EAN 9783627022389
Sprache deutsch
erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt
Erstverkaufsdatum 01.09.2016
Stichwörter Flüchtling
Novelle
Familie
Liebesgeschichte
Liebe
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Kopierschutz social-drm
Dateigröße 1.26 MB
Veröffentlichungsjahr 2016
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Schön fürs Auge, nichts für ein Buch
»Was liest Du?«-Rezension von Estrelas, am 21.11.2016

Zwei Menschen, die sich vorher nicht kennen, brechen spontan nachts auf in Richtung Italien und durchqueren schließlich das ganze Land.
Dazu konnte es womöglich nur kommen, weil beide, beraubt durch ihren Beruf, der sie ursprünglich prägte, irgendwie nutz- und planlos geworden sind. "Was glauben Sie, wer wir beide sind? (...) Zwei, die Pleite gemacht haben, Sie mit einem Verlag, Reither, ich mit einem Hutladen. Und das nicht nur, weil es keine Hutgesichter mehr gibt. Nein, weil die Leute meine Hüte nicht mehr brauchen, wie sie Ihre Bücher nicht mehr brauchen, weil sie schon seit Jahren etwas ganz anderes wollen als handgemachte Hüte oder gute Bücher, das ist die Wahrheit."
Gerne beurteilt der männliche Protagonist Situationen danach, ob sie sich gut in einem Buch machen würden oder andererseits "schön fürs Auge, nichts für ein Buch" sind. Und "Widerfahrnis" ist dann der Titel, den sie ihrem Buch geben würde, "ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen".
Der Schauplatz Italien zu einer Zeit, in der das Land von Flüchtlingen besiedelt wird, bietet Potenzial, allerdings erlebte ich die Figuren nur distanziert. Anstatt der Offenbarung ihrer Gefühle und Beweggründe während der langen Autofahrt, ist das gemeinsame Rauchen ein  präsentes Thema. Die Frau wird meist nur "die Palm" (also mit ihrem Nachnamen) genannt. Und wörtliche Rede wird nicht gekennzeichnet, was "dem Reither" sicherlich zusagen würde, der bemerkt: "die Grammatik muss sich dem Leben beugen, oder man lebt nicht, man denkt nur, man lebe". Aus diesen Gründen konnte mich der Buchpreisgewinner nicht ganz überzeugen.

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Das Leben als spätes Widerfahrnis
»Was liest Du?«-Rezension von Mikka, am 18.10.2016

Da treffen sich zwei Menschen, die widerwillig im Alter angekommen scheinen: er, Reither, der seinen Verlag aufgeben musste, weil es immer mehr Schreibende und immer weniger Lesende gibt, und sie, Leonie Palm, die ihr Leben lang Hüte verkauft hat, bis auch das am Mangel an Hutgesichtern scheiterte. Sie haben diesen Wendepunkt im Leben erreicht, wo aus all den vagen Wunschträumen für eine endlos erscheinende Zukunft auf einmal verpasste Chancen werden. Vergangene Enttäuschungen und Verluste, die man längst vergessen glaubt, schmerzen wie alte Narben.

Gemeinsam fliehen diese beiden Menschen, die keinen Halt mehr finden in ihrem Leben, Richtung Sonne und ihrer Verheißung von Glück. In Sizilien begegnen sie einem Kind, das nicht spricht und gerade dadurch zur Projektionsfläche für etwas wird, das beide Protagonisten vermissen - er, weil er es nie hatte, sie, weil sie es verlor.

Aber zunächst beginnt ihre Reise im späten Winter einer deutschen Großstadt, und auch das Buch erschien mir erst seltsam unterkühlt. Es wird aus Reithers Sicht erzählt, der nicht umhin kann, seine Erlebnisse aus einer gewissen Distanz zu sehen. So wie er als Lektor früher aus den Büchern alles Weiche und Sentimentale strich, lässt er es auch in seiner persönlichen Geschichte nur ungern zu. Gefiltertes Leben: Erleben und Erzählen gehen immer Hand in Hand - spröde, kalkuliert, und dennoch oder gerade deswegen mit glasklaren Momenten sprachlicher Schönheit.

Umso erstaunlicher ist, wie plötzlich und ungebremst die Ereignisse auf einmal über ihn hereinbrechen. Leben, Lieben, Hoffen und Scheitern im Zeitraffer. Wider Willen lässt Reither seine Emotionen immer mehr zu, bis aus einem Gedankenspiel mit interessanten Motiven am Schluss doch noch ein Buch wird, das ins Herz trifft.

In seiner Dankesrede sprach Bodo Kirchhoff unter anderem von der "Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das wehtut und einem Erzählen, das guttut". Genau das ist es, was "Widerfahrnis" für mich ausmacht: Hoffnung, die dem Leser erst die Schwermut bewusst macht, und doch unausweichlich wieder in dieser mündet. Hilfsbereitschaft, die sich als egoistischer Selbstbetrug herausstellt. Aber umgekehrt auch Schmerz und Verlust, die einen Weg zu etwas Neuem bahnen.

Kirchhoff bricht elementare Themen wie Schuld, Verlust oder Liebe herunter auf das Grundlegendste und setzt sie wieder zusammen zu einer Geschichte der leisen Töne, die dennoch eine starke Sogwirkung entfaltet und es dem Leser dadurch schwer macht, das Buch wegzulegen. Auch wenn diese Themen archaisch sind, vielfach in der Literatur aufgegriffen, ist "Widerfahrnis" doch alles andere als abgedroschen.

Der Autor verzichtet gänzlich auf Pathos oder Kitsch. Sein Schreibstil hat etwas Klares, Schwereloses, und zeichnet sich dennoch durch messerscharfe Prägnanz aus. Das Wort, das mir spontan einfällt, ist "meisterhaft", und dennoch hat das Geschriebene etwas Zurückhaltendes.

Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel, denn Reither und Leonie verbringen den größten Teil des Buches in ihrem Auto. Dabei kommt man ihm als Leser schnell näher, während man sie zunächst nur dadurch kennenlernt, wie sie auf Reither reagiert - ein Schattenspiel, sozusagen. Aber gerade das ist spannend zu verfolgen, und am Ende versteckt sich im Ungesagten ihr Motiv für die Reise.

Die Liebesgeschichte hat etwas bittersüß Anrührendes, gerade weil sie zu gleichen Teilen unmöglich und unaufhaltsam erscheint.

Fazit: 
Die Geschichte eines "Widerfahrnis": zwei ins Alter gekommene Menschen versuchen sich an einer späten Erfüllung ihrer Träume, begeben sich auf einen spontanen Roadtrip nach Sizilien und durchleben in wenigen Stunden Hoffnung, Liebe, Schmerz, Scheitern, Verlust... Bodo Kirchhoff erzählt das schnörkellos und dennoch poetisch, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Bedeutungsebenen entdeckt man. Obwohl es ohne Zweifel ein anspruchsvolles Buch ist, ist es dennoch auch ein Buch, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt, und in meinen Augen ist es auch ein Buch, das den Deutschen Buchpreis 2016 redlich verdient hat.

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Deutscher Buchpreis 2016! "Eines der schönsten Bücher des Herbstes: Bodo Kirchhoffs meisterhaft komponierte Novelle ›Widerfahrnis‹, ein poetologisches Kunststück." (Andreas Platthaus, FAZ) Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist … Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. "Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung", sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, "jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben."

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