Neujahr (Buch)

Roman

Buch
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Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind... (weiter)

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Details
AutorIn Juli Zeh
Seiten 192
EAN 9783630875729
Sprache deutsch
erschienen bei Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum 10.09.2018
Stichwörter Lanzarote
Psychologische Spannung
Eheroman
Nullzeit
Unterleuten
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.4 | 43 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 4.4 |  18 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.4 |  25 Bewertungen

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Anstrengende Urlaubsreise
»Was liest Du?«-Rezension von Yvicutie, am 16.06.2019

Henning verbringt gemeinsam mit seiner Familie den Jahreswechsel im Urlaub auf Lanzarote. Als er am Neujahrsmorgen eine Fahrradtour unternimmt, führt er sich voller Unmut seine Familiensituation vor Augen. Seit Jahren leidet er unter Panikattacken, die seine Frau nicht mehr ernst nimmt. Sie tanzt lieber mit einem Franzosen beim Silvesteressen. Henning fühlt sich überfordert, als Ehemann, Vater, großer Bruder und Geldverdiener. Seine Schwester Luna ist seiner Frau ein Dorn im Auge, da sie ihren freien Lebensstil nicht gutheißt. Henning schleppt sich schlecht vorbereitet und gänzlich erschöpft den Berg hinauf. Oben angekommen hilft ihm eine freundliche Dame, die ein abgelegenes Häuschen in Femés bewohnt in dem Henning bereits als kleines Kind mit seinen Eltern und Luna war. Es beginnt ein sehr bedrückender und schmerzhafter Rückblick in die Kindheit von Henning, eine Zeit die dieser erfolgreich verdrängt hatte.

Der Roman beschäftigt auf vielen Ebenen mit Hennings Gefühlen. Am Schluss fügt sich vieles jedoch wie ein Puzzle zusammen. Henning leidet unter den Panikattacken seit der Geburt seiner Tochter, welche er nun vielleicht genauso gut beschützen möchte, wie er es für Luna tut. Er muss stets auf sie aufpassen und steigert sich dort gegebenenfalls auf Grund der Verdrängung seiner Vergangenheit zu sehr hinein, so dass er in Panik gerät. Mir gefällt, dass der Roman so vielschichtig ist und nichts ohne Grund erwähnt wird. Dennoch schafft es Juli Zeh nicht mich mit ihrer Geschichte zu fesseln und besonders die erste Hälfte des Buches war für mich sehr anstrengend zu lesen, so dass Hennings eigene Motivation weiter zu radeln für mich zu einer Metapher wurde weiter zu lesen „Erster-Erster“. Dies liegt vor allem an der negativen Einstellung von Henning, in nichts etwas Positives zu sehen und sich selbst auch nicht dafür einzusetzen, dass sich etwas an seiner Situation ändert. Daher bleibt mir sein Charakter leider sehr unsympathisch. Der Rückblick auf Henning und Luna hat mich emotional jedoch sehr ergriffen. Auch die Beschreibungen aus der Sichtweise eines Kindes empfand ich als sehr gelungen. Die darauf folgenden Reaktionen des Erwachsenen Hennings haben sich mir jedoch nur teilweise erschlossen, ebenso wie das jahrelange Verhalten seiner Mutter, so dass viele Fragen ungeklärt bleiben. Da das Gesamtkonzept für mich nicht ganz schlüssig ist kann ich dem Buch nur 3/5 Sternen geben.

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Neues Jahr - Neuer Anfang
»Was liest Du?«-Rezension von FIRIEL, am 30.05.2019

Henning steht im Zwiespalt: Einerseits hat er es richtig gut - eine tolle Frau, zwei gesunde Kinder, einen Job, keine großen finanziellen Sorgen. Aber gleichzeitig steht er unter enormem Druck: Wie soll er nur all den Erwartungen gerecht werden? Henning fühlt sich überfordert, er verliert den Boden unter den Füßen, und seit einiger Zeit leidet er unter schrecklichen Panikattacken, für die es keinen Grund zu geben scheint.

Ein Winterurlaub führt die Familie nach Lanzarote. Am Neujahrsmorgen nimmt sich Henning eine Auszeit und macht eine Radtour, die ihn auf den steilen Berg beim Dorf Fermés führt. Völlig erschöpft erreicht er den Gipfel und hat in einem Haus dort ein Déjà-Vu: Er erkennt nicht nur das Gebäude wieder, sondern hat plötzlich ganz konkrete Erinnerungen aus seiner Kindheit. Hier muss er schon einmal als kleiner Junge die Ferien verbracht und dabei so schreckliche Erlebnisse gehabt haben, dass er alles verdrängt und vergessen hat. Hier liegt der Schlüssel zu seinen jetzigen Gefühlen. Henning ergreift die Chance, sein Leben zu ändern.

Juli Zeh erzählt mitreißend: Ich kann mich sowohl in den erwachsenen als auch in den kindlichen Henning einfühlen und mit ihm mitleiden. Sein erster Schritt in eine Veränderung ist überzeugend. Neben diesem persönlichen Schicksal, das so empathisch geschildert ist, stellt sie aber indirekt auch Fragen, die weiterführen: Wie kann Familie, wie Partnerschaft in der heutigen Zeit funktionieren? Über berufstätige Mütter, die sich zwischen Beruf und Familie aufreiben und selbst ständig zu kurz kommen, ist schon viel geschrieben worden. Zeh stellt hier einen Vater in den Mittelpunkt, der sein Bestes gibt, das aber nie zu genügen scheint.

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Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater - in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen - etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

Zeh, Juli Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018). 2018 wurde sie zur ehrenamtlichen Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.