Bodentiefe Fenster (Buch)

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2015

Buch
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Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu... (weiter)

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Details
AutorIn Anke Stelling
Edition 2. Aufl.
Seiten 248
EAN 9783957320810
Sprache deutsch
erschienen bei Verbrecher Verlag
Erscheinungsdatum 02.2015
Rezensionen
Autorenportrait
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Nichts für trübe Herbsttage
»Was liest Du?«-Rezension von Yexxo, am 26.07.2016

Was für eine traurige Lektüre! Fast 250 Seiten Gedanken, Berichte, Selbstgespräche einer der scheinbar typischen Prenzlauer-Berg-Mütter - doch hier liest man nichts von fröhlichen Latte-Macchiato-Gesprächen unter ihresgleichen oder der erfolgreichen Selbstverwirklichung im kreativen Bereich. Ganz im Gegenteil. Sandra, die Hauptfigur dieses Romans, scheint zwar nach außen voll und ganz dem Klischee zu entsprechen, doch tatsächlich zermürbt sie sich selbst mit ihren ständigen Zweifeln und Selbstvorwürfen. Was ist aus den Idealen geworden, die man ihr daheim und im Kinderladen so eingetrichtert hat, dass sie mittlerweile davon überzeugt ist, dass es ihre eigenen sind? Die absolute Liebe zu den Kindern; dass Gemeinschaft das Wichtigste ist; dass Alle gleich sind und man Alle zu lieben hat und selbst geliebt wird. Doch ihre Frustration über sich, ihr vergebliches Mühen sowie die Anderen, die ganz und gar nicht so leben wie es sein sollte, wird immer stärker und lässt ihre Schuldgefühle und Ängste noch größer werden.
Noch nie habe ich ein so eindringliches (wenn auch indirektes) Plädoyer für einen gesunden Egoismus gelesen wie in diesem Buch. Auf jeder Seite hätte ich Sandra am liebsten geschüttelt (ebenso wie die meisten der zahlreichen Frauen, die in diesem Buch auftauchen) und entgegengehalten: 'Was interessiert Dich, was Deine Nachbarn denken? Sag was Du denkst oder fühlst. Du musst es auch aushalten können, wenn Dich jemand nicht mag.' Und so weiter. Ist dies wirklich das Erbe der 68er Generation, wie es der Umschlagtext behauptet? Wurden die Kinder, insbesondere die Mädchen, zu solch wenig sich selbst bewussten Menschen und stattdessen zu Erfüllungsgehilfen der Utopien ihrer Mütter herangezogen? Ich will und kann das nicht glauben, auch wenn diese Geschichte mir den Eindruck vermittelt. Wenn wenigstens ein Fünkchen Hoffnung am Horizont aufleuchten würde, doch das scheint Sandra offenbar nicht vergönnt. Sogar als ihre ständige Selbstzermürbung zum vollständigen Zusammenbruch führt, scheint auch hier keine Lösung in Sicht.
Mut macht dieses Buch nicht, auf mich wirkt es mehr wie eine Bestandsaufnahme eines Menschen, der stets um sich und seine Ideale kreist, die nicht zu erreichen sind und daran krankt, schwer krankt - ohne große Hoffnung auf Besserung. Doch dafür hätte es keine 250 Seiten gebraucht, denn letzten Endes ist das Thema immer das gleiche.
Alles in allem eine gelungene Innenansicht einer überforderten Mutter und Ehefrau aus der Prenzlauer-Berg-Bewohnerschaft, die jedoch meiner Meinung nach um einiges kürzer hätte ausfallen dürfen.

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Bodentiefe Fenster
»Was liest Du?«-Rezension von Petra, am 23.11.2015

Sandra ist eine von denen, die "eigentlich alles haben": einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt "Mehrgenerationenhaus", alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe.

"Es geht uns gut." 
versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage.

Denn natürlich ist nicht alles gut in Sandras Biotop. Und dass das so ist, lässt Sie zunehmend verzweifeln.
Die Ansprüche sind hoch in ihrer Umgebung der wohlsituierten, gebildeten, politisch und gesellschaftlich aufgeklärten Berliner. Nachhaltigkeit ist einer der Programmpunkte, ferner der soziale Diskurs und natürlich Kinder. Dabei muss Sandra feststellen, dass ihr alles, sogar letztere zunehmend auf die Nerven gehen.

"Unsere Energieniveaus passen einfach nicht zusammen " 

muss sie einmal lapidar in Bezug auf ihren jüngsten Sohn Bo feststellen. 
Und die Erziehungskonzepte der meisten anderen Eltern findet sie schauderhaft. 
Entweder setzen die ihren Kindern gar keine Grenzen oder sie überbehüten sie, oft auch beides abwechselnd oder gleichzeitig. Die Kinder, ständig überfordert davon, maximal glücklich aufzuwachsen, benehmen sich dementsprechend.

"Wenn die Kinder schon ständig für uns Eltern und unsere Träume vom Leben einstehen müssen, dann sollten wir sie wenigstens dafür ausrüsten, sie unbarmherzig darauf trainieren - anstatt ständig zu behaupten, sie seien völlig frei und wir wollten es alle gemeinsam nur schön haben."

Sandra schaut genau hin, manchmal quälend genau. Sie sieht manchmal zu schwarz, viele Dinge sind ziemlich überspitzt, oft nimmt sie die schrecklichsten Vorstellungen vorweg, um sie so zu bannen, das wird bisweilen leicht morbide.

 "Jeden Tag passieren fürchterliche Dinge, und meine Kinder lernen in erster Linie, wie man austeilt und einsteckt. Wenn sie Glück haben, werden sie ein paar schöne Momente erleben und sich im Verlauf ihres elenden Lebens ab und zu daran erinnern. Mehr ist, realistisch betrachtet, nicht drin." 

Ihre Beobachtungen sind aber immer hoch analytisch, punktgenau, bissig, oft zynisch und auch selbstkritisch. 
Die Zumutungen des Alltags nagen an ihr.

Ihre Ansprüche an sich sind gigantisch. Einerseits etwas, dass sie mit vielen heutigen Frauen, zumal Müttern, teilt, andererseits auch ein Erbe, dass ihr die Mutter hinterlassen hat. Diese, eine typische Vertreterin der 68er, der Reformpädagogik, hat ihre hohen Anforderungen an Selbstverwirklichung, Gemeinsinn, gesellschaftliches Engagement weitergegeben, ohne wirklich eine Lösung zu bieten, wie dieses mit dem Muttersein, Berufstätigkeit, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu vereinbaren ist. 
Sandra hat immer wieder Parolen des Liedermachers Volker Ludwig im Kopf.
  "Einer ist Keiner/zwei sind mehr als einer./Noch reden uns die Großen rein und sagen was wir soll´n/Bald werden wir ganz viele sein und machen, was wir wolln"

tönen die Ideale aus ihrer Kinderladenzeit herüber. 
Ihm wirft sie stellvertretend für die Elterngeneration vor: 

"Was denn bitte, Volker? Wie kannst du mir das alles in den Kopf setzen und dich dann schön in die Pensionierung und auf dein Lebenswerk zurückziehen?" 

Schon die eigenen Mütter sind daran gescheitert, von Psychopharmaka abhängig, haben sich umgebracht oder sonst wie aus der Verantwortung geschlichen. Sandra erkennt:

"Ich schultere da was, was ich gerne abwerfen würde, denn es ist nicht allein das Alter, fürchte ich, warum wir unseren Müttern immer ähnlicher werden. Es hat sich nichts, nicht das kleinste bisschen geändert."

Dass dieses ständige Analysieren, Hadern mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das für Alles verantwortlich Fühlen auf Dauer nicht gut gehen kann, ist klar. Sandra steuert auf den nervlichen Zusammenbruch zu, oder milieuspezifischer, auf den Burnout. Und wir sind mittendrin in der "Vereinbarkeitslüge", dass es nämlich geht, gleichzeitig politisch und gesellschaftlich engagiert, berufstätig, fit, schön und fröhlich und gleichzeitig als Mutter für das Glück und das Wohlgedeihen diverser Kinder verantwortlich zu sein.

"Ich bin momentan dabei, mir über diverse Widersprüchlichkeiten klar zu werden, ich frage mich, wie weit man ge

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Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein , und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen. Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig. Am Ende von Anke Stellings Roman, der in schöner Sprache Bitterböses erzählt, geht es ins Müttergenesungswerk: "Damit Mama wieder lacht." Bodentiefe Fenster bodenlose Gegenwart.

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2004 wurde ihr gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasster Roman 'Gisela' und die Erzählung 'Glückliche Fügung' verfilmt. Weitere Veröffentlichungen: 'Nimm mich mit' (2002, gemeinsam mit Robby Dannenberg), 'Glückliche Fügung' (2004) und 'Horchen' (2010).