Unterwerfung

Unterwerfung (Taschenbuch)

Roman

Michel Houellebecq

Übersetzung: Norma Cassau, Bernd Wilczek

Taschenbuch
Für Bewertung bitte einloggen!

Es ist vielleicht der umstrittenste Roman der letzten Jahre: 'Unterwerfung' handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum - Fragen, die... (weiter)

€ 10,99 *
Preis
inkl MwSt.

Auch erhältlich als:
eBook EPUB 9,99
  • sofort lieferbar
  • portofreie Lieferung innerh. Deutschland
  • Geschenkverpackung möglich

Details
AutorIn Michel Houellebecq
Übersetzung Norma Cassau, Bernd Wilczek
Edition 9. Aufl.
Seiten 272
EAN 9783832163594
Sprache deutsch
erschienen bei DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum 16.06.2016
Ursprungstitel Soumission
Stichwörter Front National
Gesellschaft
Wandel
Paris
Wahlen
Rezensionen
Autorenportrait
Gesamtmeinung:
Ø4.9 | 5 Meinungen

davon Rezensionen:
Ø 5 |  2 Rezensionen
davon Bewertungen:
Ø 4.8 |  3 Bewertungen

5 Sterne
( 1 )
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
1 Stern

Reine Fiktion oder doch möglich?
»Was liest Du?«-Rezension von MagicaDeHex, am 22.09.2016

François ist Literaturprofessor an der Pariser Universität, Sorbonne II. Was er in seinen eigenen Studienzeiten begann, hält er noch immer aufrecht, nämlich Beziehungen zu Studentinnen, erst waren es seine Kommilitoninnen nun sind es seine eigenen Studentinnen. Die Beziehung dauert meistens nur knapp ein Jahr, dann wird sie von „ihr“ beendet. François lebt ansonsten zurückgezogen und versuche Menschen zu meiden. Die Wahl zum nächsten Präsidenten steht in Frankreich kurz bevor. Während François einzig darüber nachdenkt, welche Vorteile ein Wahlergebnis für seine Universität haben könnte, verändert sich die Stimmung im Land. Er selbst nimmt die aufkommende Bedrohung nur langsam wahr, wie Schießereien von Arabern, das Verbot von Juden an der Universität – alles ein schleichender Prozess. Doch auch François beginnt sich zu fragen, ob die Familien seiner moslemischen Studentinnen eigentlich wissen, was er so unterrichtet und auch er beginnt sich zu sorgen.

 

Wir Leser beginnen die aufkeimende Bedrohung erst unterschwellig zu erahnen, bis Michel Houellebecq die Ausmaße immer deutlicher werden lässt, in seiner fiktiven, in der nahen Zukunft spielenden, Dystopie „Unterwerfung“. Ich mag den Schreibstil des Autoren sehr gerne, er kann mich vom ersten Moment an mitnehmen und fesseln. Michel Houellebecqs Sprache ist schön und klar, sein verwendetes Tempo empfinde ich für das Lesen als angenehm.

 

Meine Bewertung für dieses Buch sind ganz klar fünf von fünf möglichen Sternen und ich empfehle es absolut weiter. Natürlich kam das Buch zum richtigen aktuellen, politischen Zeitpunkt auf den Markt, doch dass es sich hierbei um eine Fiktion handelt, darf der Leser meiner Meinung nach jedoch nicht vergessen. Noch ein Zitat, da ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte: „Ein Buch, das man mag, ist zudem vor allem ein Buch, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gern seine Tage verbringt.“

mehr zeigen ...

Krasse Zukunftstheorie
»Was liest Du?«-Rezension von Jean-Louis Glineur, am 16.07.2016

Geschehnisse

François ist ein Mittvierziger, der in Paris als Professor der Literaturwissenschaften an der Sorbonne lehrt. Sein Leben bestreitet er als Single, aber keineswegs ohne Frauen, die mehr oder weniger lang meist eine Art Saisonpartnerin darstellen, und mehr als einmal ist es eine Studentin, die sein Leben erotisch ausfüllt.

Ein gewisses "Leitbild" in seinem Leben stellt Joris-Karl Huysmans dar. Dieser war ein französischer Schriftsteller, der sich vor allem als Romancier betätigte und von 1848 bis 1907 lebte. Seine Gedankengänge drehen sich mehr als einmal um Huysmans, der auch Mittelpunkt seiner Arbeiten während des eigenen Studiums war. 

Nein, es ist kein Science Fiction, aber François erzählt aus der "Ich-Perspektive" die Geschehnisse im Jahr 2022. Die Wahlen stehen in Frankreich an, und es gelang in den letzten Jahren dem rechtsextremen Front National unter Führung von Marine Le Pen fast ganz nach "oben" zu stürmen. Der Rechtsruck in Frankreich lähmt die Konservativen und auch die Sozialisten. Es kommt noch schlimmer - je nach Sichtweise - denn sukzessive konnte die „Bruderschaft der Muslime“ sich in Frankreich behaupten und entwickelt sich durch die persönliche Präsenz des Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes zum einzigen ernsten Gegenspieler der Rechtsradikalen um Le Pen. Allerdings bedarf es der Unterstützung der Sozialisten und anderer Fürsprecher für die „Bruderschaft der Muslime“, damit diese den Front National ausbooten.

Und so kommt es dann auch ... die „Bruderschaft der Muslime“ wird die erste Macht in Frankreich und nimmt weitreichende Reformen vor, die auch vor François nicht Halt machen, denn als erste Erkenntnis stellt er morgens vor der Universität fest, dass diese auf unbestimmte Zeit geschlossen ist. Allerdings ist dies nicht der erste Einschnitt in sein ganz persönliches Leben, denn auch seine "Lebensabschnittsfreundin", die 22-jährige Studentin Myriam, zog bereits eine Konsequenz, bevor der Sieg der „Bruderschaft der Muslime“ sicher war, und zog als Jüdin gemeinsam mit ihren Eltern fort nach Israel. Und auch viele andere französische Juden zogen diese Konsequenz, je stärker der Islam sich im Frankreich des Jahres 2022 verfestigte.

Unruhen, Demos und verschiedenste Proteste mit toten und Verletzten bis zu entscheidenden Wahl, und auch noch danach, kosten viele Menschen das Leben, und der quasi um seine Professur und seine Freundin geprellte François verläßt zunächst Paris. Alles, was ein Bekannter vom Geheimdienst ihm beim Bierchen ins Ohr flüsterte, war Realität geworden, und Mohammed Ben Abbe führt markante Veränderungen in Staat und Gesellschaft durch, die die islamische Prägung bis hin zur Vielweiberei legitimieren. Auch der komplette Bildungsapparat soll islamisch geprägt werden, und der in keinem Land wie in Frankreich so bedeutsame Laizismus - also die strikte Trennung von Staat und Religion - existiert nicht mehr. 

Nun wird sich bald herausstellen, ob und wie in einer solch veränderten (französischen) Welt François seinen Platz wieder finden kann,... oder vielleicht auch nicht. Sicher wird seine Zukunft auch davon geprägt sein, was den Titel des Buchs ausmacht, eben jene "Unterwerfung" ...

Eindrücke

Michel Houellebecq hat ein Frauenbild, das mich teils irritiert. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Frauen für ihn erst Objekte der Begiere und erst danach "Menschen" sind statt umgekehrt. Dies wird in verschiedensten Passagen des Romans zum Bauchgefühl, auch wenn es sich nicht immer in Worte verpacken lässt. Ganz ohne Sex geht's auch in einem Roman um einen Islam in Frankreich nicht, aber wenn Michel Houellebecq sich auf dieses Parkett begibt, klingt das ein wenig wie ein schlechter Verbal-Porno.Zugleich ist das Frauenbild für diesen Roman von großer Bedeutung, denn es ist ein bekanntes Bild, das mit dieser Religion verbunden wird, d.h. dass Frauen eine untergeordnete Rolle spielen und dies auch im Frankreich des Jahres 2022 so zum klaren Schritt zurück ins Mittelalter wird. Ganz simpel mag der neue Präsident der Arbeitslosigkeit eindämmen: ... Frauen sollen wieder vorrangig Heim und Herd hüten, Kinder in die Welt setzen und somit nicht am "Arbeitsleben" als solches teilnehmen, es sei denn, es ist "Hausarbeit".

Houellebecq schöpft aus dem Vollen, wenn er sich des Islams bedient. Man könnte manches polemisch und anderes polarisierend nennen, denn der Autor lässt auch kein Klischee aus, vermischt es mit Tatsachen oder diffusen Befürchtungen all jener, denen der Islam unheimlich ist. Und diese "Stimmung" betreibt er mit großem Talent. Allerdings wäre vollkommen falsch, Houellebecq als islamophob, fremdenfeindlich oder sogar rassistisch zu vermuten.

Im Gegenteil, er entwickelt eine Vision, die nicht allein wegen der beschriebenen „Bruderschaft der Muslime“ bedrückend ist, nein, es ist zu beachten, dass neben diesem einen Extrem auf der anderen Seite der rechtsextreme Front National Teil des Spiels "Pest oder Cholera" ist. Der eigentliche Schrecken der Geschichte ist, dass die gemäßigten Kräfte wie Konservative oder Sozialisten keine Rolle mehr spielen und nicht mehr die Gesellschaft repräsentieren.

„Bruderschaft der Muslime“ als Sieger der Wahlen ... Houellebecq hätte - je nach Lust, Laune oder Tagesform - auch den Sieg des Front National durchspielen können. Manche Konsequenzen wären vermutlich ähnlich jener, die die „Bruderschaft der Muslime“ hervorriefen. So wie es die jüdischen Franzosen zum Fortgang bewegte, dass der Islam regiert, wäre ein gewisser Antisemitismus unter der Fuchtel von Le Pen auch nicht ausgeschlossen.

Michel Houellebecq gibt sich wenig Mühe, den Islam in irgendeiner Weise zu erklären und stürzt sich mehr auf jene Dinge, die - leider nicht immer ganz unbegründet - auch Teil des Islam sind. Dazu gehören letztlich der Status und die Rolle von Frauen, der Einfluss der Religion auf staatliche Gefüge und eine partielle Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden. Man könnte - reine Interpretation - sogar zum Schluß kommen, dass Rechtsextreme als auch islamische "Modelle" beide gleich schlecht sind. Zumindest wäre es meine persönliche Interpretation.

Eines kann man dem Autor aber nicht vorwerfen: der Roman war schon fertig, bevor verdrehte Islamisten durch Terror im Januar 2015 die Redaktion von Charlie Hebdo überfielen und über ein Dutzend Menschen im Namen Allahs töteten. Es ist eher makaber, dass der Roman sogar zeitgleich in die Buchläden kam. Die Art "Werbung" mochte sicher niemand wirklich - weder der Autor noch der Verleger - auch wenn es die Buch-Charts natürlich beeinflusste. Auch mich lockte diese Situation, "Unterwerfung" zu kaufen. Alles andere wäre gelogen.

Letztlich hat das Buch mich gefesselt und fest im Griff gehabt. Nur die abends einsetzende Müdigkeit ließ mich Pausen einlegen. Dazu baut Houellebecq ein viel zu cleveres Szenario auf, dass zwar keinen Hass rechtfertigt, aber zumindest die Angst vieler Menschen vor fremden Einflüssen erklären kann. Dass sich dies aktuell fast täglich durch Terror von Islamisten hochpeitscht, ist fatal genug, da auch viele Menschen nicht mehr zwischen Islam und Islamismus differenzieren.

Einen "Ekelfaktor" mit Grinsen gibt es als Nebenschauplatz. Wenn's um Sex geht, scheint Houellebecq nicht mehr zu bremsen. Die beste Empfängnisverhütung ist dabei, sich das furchtbar zerknautschte und auch ungepflegte Äußere des Autors vorzustellen. Diese Art niedergeschriebene "Fantasie" von solch einem Schmuddeltyp ist eher unsexy...und so wirken diese Darstellungen verklemmt-dilletantisch. Leider bleibt dann auch ein schwer durchschaubares Frauenbild des Autors haften.

Erstklassig ist allerdings der Vorleser. Christian Berkel, einer von Deutschlands Vorzeigeschauspielern, hat eine spannende und wunderbar trainierte Stimme, die das eigene Lesen komplett reizlos macht. Berkel ist das berühmte Tüpfelchen auf dem "I".

"Unterwerfung" ist geniale, aber auch unheimliche Unterhaltung. Es ist aber kein Leitfaden für rechtslastige Spinner, die womöglich Houellebecq als "einen von Ihnen" einnehmen wollen. Die Geschichte ist klasse konzipiert, sogar so gut, dass manche philosophischen Ausschweifungen nicht mal langweilig werden. FAZIT: 100 % LESENSWERT...!!!

mehr zeigen ...

Es ist vielleicht der umstrittenste Roman der letzten Jahre: 'Unterwerfung' handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum - Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Goncourt--Preisträger Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit - und zugleich mit virtuoser Ironie - ausdeutet. Er erzählt in 'Unterwerfung' die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.

Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Für seine Bücher, die in über vierzig Ländern veröffentlicht werden, wurde er mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Prix Goncourt. Auf Deutsch ist nahezu sein gesamtes Werk bei DuMont verlegt. 2015 erschien sein Roman 'Unterwerfung', der wochenlang auf der Bestsellerliste stand und ein großes Medienecho hervorrief. Norma Cassau, geboren 1975, studierte Komparatistik und Osteuropastudien in Berlin und Kasan. Seit 2009 übersetzt sie Literatur aus dem Russischen und Französischen. Bernd Wilczek war nach dem Studium mehrere Jahre Universitätslektor in Frankreich. Er übersetzte u. a. Maurice Blanchot, André Glucksmann sowie gemeinsam mit Norma Cassau Michel Houellebecqs Roman 'Unterwerfung'.