Altes Land (Taschenbuch)

Roman. Ausgezeichnet mit dem Usedomer Literaturpreis 2016 und als 'Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels' 2015

Taschenbuch
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Das "Polackenkind" ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus... (weiter)

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Details
AutorIn Dörte Hansen
Edition 8. Aufl.
Seiten 303
EAN 9783328100126
Sprache deutsch
erschienen bei Penguin TB Verlag
Erscheinungsdatum 13.03.2017
Stichwörter Bestsellerautorin
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Hier spürt man die Macht der Kriegstraumata durch Generationen rennen
»Was liest Du?«-Rezension von Bücherspiegel, am 28.07.2019

Altes Land von Dörte Hansen ist ein Roman, der mich bereits mit den ersten Sätzen gefesselt hat. Es liegt an der Sprache der Autorin. Sie weiß, wie man mit wenigen Worten eine Atmosphäre schaffen kann, um seine Leserschaft direkt in die Geschichte hinein zu katapultieren. Noch dazu, wenn diese eine ähnlich gelagerte Familienchronologie aufzuweisen haben, wie die Protagonisten in ihrem Buch.

Die Rede ist erstens von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, die denjenigen Haus- und Wohnungsbesitzern zugewiesen wurden, die das Glück hatten, nicht ausgebombt zu sein. Da musste so manch Schatten übersprungen werden. Wie auch im Fall von Vera und ihrer Mutter Hildegard von Kamcke, die aus Ostpreußen vertrieben, geflüchtet, alles verloren, an der Tür von Ida Eckhoff klopften, um Einlass zu bekommen. Ida gehört zur zweiten Kategorie Mensch, von Hansen als alteingesessenen Menschen vom Land beschrieben. Ida hat viel verloren im Krieg und wartet nun auf ihren Sohn. Erst ist sie glücklich, dass an ihrem Karl wirklich kein Glied verloren ging. Außer seiner Seele, doch das merkt sie erst auf den zweiten, schmerzhaften Blick. Die Damen Eckhoff und von Kamcke schenken sich nichts, fechten alles aus, ob es um Nahrung für Vera geht, oder um das Bleiberecht für Hildegard. Die schnappt sich erst mal Karl als Ehemann und Vater für Vera. Anzumerken ist noch die hohe Begabung für Musik in der Familie der von Kamckes, die im Roman einen starken Part erhält.

Zwei Generationen weiter sind da Anne und ihr Sohn Leon. Anne ist die Tochter von Veras sehr viel jüngeren Halbschwester Marlene. Anne, frisch getrennt von ihrem untreuen Partner, flüchtet zu Tante Vera aufs Land. Die lernt auf die raue Art ihre Nachbarn kennen, genauso wie die bodenständigen Kindergärtnerinnen, die nicht viel Aufhebens um Essenswünsche der Kleinen, anders als in Hamburg, machen. Mit überspitzter Feder beschreibt Hansen, wie die Mütter in den wohlbehüteten Gegenden der Großstadt über ihre Kinder wachen, immer das richtige zum Anziehen und auch die anderen Begebenheiten stimmen müssen. Anne, Musikbegabt und in dieser Sache willig, bis ihr als Musikgenie geborener Bruder Thomas ihr das Zuhause regelrecht stiehlt, schwankt zwischen Handwerksberufung und Musiklehrerin. Und kommt so gar nicht damit klar, ihren Ex in ihrem Leben wegen des gemeinsamen Sohnes dulden zu müssen. Denn eigentlich will sie losgelöst von allem eine Zukunft für sich und Leon aufbauen.

Und dann sind da noch die unglaublichen Gegensätze zwischen alten Obstbauern, die mit viel Chemie und rigoroser Bewirtschaftung dem Boden alles abverlangen und Biobauern, die mit wenig Ernte auch noch die große Kohle einfahren. Dazwischen gibt es noch diese unverschämten Städter, die aufs Land flüchten, um Bauern zu spielen, dem Stress der großen weiten Welt ausgewichen sind und alles besser wissen. Wie Hansen nun in kursiv gesetzten Worten die Meinungen ihrer Protagonisten immer wieder Ausdruck verleiht ist köstlich, humorig, sehr treffend, der Wiedererkennungswert hoch. Jeder kämpft um sein bisschen Glück, nur Vera und ihr alter Nachbar Heinrich Lührs, seit Kindheitstagen an befreundet, versuchen es mal ohne.

Wie die Autorin die Traumata des Krieges mit wenigen Worten und Taten beschreibt, rührt mich persönlich am meisten. Dass diese Kriegskinder aufgrund ihrer Erlebnisse fürs Leben gezeichnet sind und ihre Handlungen für viele nicht unbedingt nachvollziehbar, habe ich selbst ertragen müssen. Nun sind andere Dinge von essenzieller Bedeutung, wie die Figur der Anna aufzeigt. Doch die Spuren der Vergangenheit durchkreuzen auch die Zukunftsträume von ihr immer wieder.

Unbedingt Lesenswert.

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Nicht gedeihen, nicht blühen, nur bleiben.
»Was liest Du?«-Rezension von ulrike rabe, am 27.02.2019

Flüchtlinge waren Vera und ihre Mutter Hildegard, als sie vor mehr als 60 Jahren ins Alte Land kamen, Flüchtlinge aus Ostpreußen, geduldet am Hof von Ida Eckhoff. Richtig zugehörig hat sich Vera dort nie gefühlt. Doch eines Tages steht ihre Nichte Anne vor der Tür mit ihrem Sohn Leon, geflohen aus Hamburg-Ottensen, vor dem saturierten Leben in der Großstadt, vor einer gescheiterten Liebe.

Ich habe einmal gelesen, dass Österreicher*innen mit diesem Buch nicht so zu Recht kämen, weil uns der Zugang zu dem Landstrich, der Geschichte, dem Platt fehlt. Ich kann das so  nicht nachvollziehen. Auch bei uns gibt es auch alte Dörfer, alte Männer, vom Krieg versehrt, Vertriebene, mit dem Land Verwurzelte und von der Bourgeoisie Übersättigte, alte Schachteln, altes Land. Ich denke die Geschichte, die Dörte Hansen erzählt ist universell. Und sie erzählt bravurös. Die Autorin hat ein ungemeines Gespür. Für die Figuren, von denen sie berichtet. Bei allem Kummer, Ängsten, Verlusten geht sie sorgsam mit ihnen um. „Mein armes kleines Kind“, sagt der fünfjährige Leon, um seine alte Tante Vera zu trösten. Vera, die Verschrobene, von der Mutter verlassen, dem Stiefvater treu verbunden, die keine Wurzeln schlagen wollte und doch festgewachsen ist auf diesem Hof. „Nicht gedeihen, nicht blühen, nur bleiben.“ Und wie konnte sie nur darauf vergessen, ein Kind zu wollen.

Es sind starke Bilder, mit denen Dörte Hansen ihre Figuren zeichnet, stark und aussagekräftig. Die stolze Hildegard, immer den Rücken gerade, den Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist. Als Mutter hat sie versagt: „Treibeis, immer kalt, nie zu packen“. In der übernächsten Generation wird sich Anne manchmal ein anderes Leben wünschen. „Man durfte erschöpft sein…, gestresst und ungekämmt, auch ungeschminkt, das alles ging, nur mutterglücklos, das ging nicht.“ Anne, deren Kindheit darin bestand, zu bestehen, denn nur zu genügen, genügte nicht.

Dörte Hansen spannt einen wunder breiten Bogen, humorvoll, satirisch, melancholisch. Behutsam ist für Frau Hansen kein Schlagwort. Altes Land ist mir ein Herzensbuch geworden.

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Das "Polackenkind" ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen - und wo Annes Mann eine andere liebt. Mit scharfem Blick und trockenem Witz erzählt Dörte Hansen von zwei Einzelgängerinnen, die überraschend finden, was sie nie gesucht haben: eine Familie.

Hansen, Dörte Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, lernte in der Grundschule, dass es außer Plattdeutsch noch andere Sprachen auf der Welt gibt. Die Begeisterung darüber führte zum Studium etlicher Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch und hielt noch an bis zur Promotion in Linguistik. Danach arbeitete sie als Autorin für Hörfunk und Print, bis ihr Debütroman »Altes Land« 2015 erschien. Mit ihrer Familie lebt sie in der Nähe von Husum.